Die Debatte um die richtigen Worte wird hochemotional, fast schon erbittert geführt. Denn als krank möchten sich die wenigsten Menschen mit ADHS bezeichnen lassen. Und auch als echte Störung sehen viele ihre Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung nicht. Ebenso trifft die Vorstellung von ADHS als Behinderung oftmals einen empfindlichen Nerv. Sollte man also vielleicht einfach von einer Eigenschaft sprechen? Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach!
Ist ADHS eine Krankheit?
Ja und nein! Vereinfacht gesagt werden bei ADHS bestimmte Hormone »falsch«, also »krankhaft« ausgeschüttet, was zu bestimmten Symptomen führt. Und die können medikamentös meist behoben werden. Andererseits gibt es keine klaren pathologischen Befunde bei ADHS oder gar Gewebeschäden wie etwa bei Infektionskrankheiten. Außerdem können Symptome plötzlich »wie von Geisterhand« verschwinden, wenn zum Beispiel endlich die beruflichen und persönlichen Rahmenbedingungen stimmen.
Ist ADHS eine Störung?
Ja und nein! Schon die Abkürzung deutet darauf hin: Das S bei ADHS steht für Störung, und das aus gutem Grund. Denn die objektiv definierbaren klinisch relevanten Einschränkungen – Konzentrationsprobleme beispielsweise – stören die Betroffenen zweifellos; sie stören in ihrem Leben. Gleichzeitig ist der Begriff Störung extrem negativ besetzt. Und er beschreibt ausschließlich Defizite, passt also nicht wirklich bei ADHS, weil so manches Symptom schließlich nicht per se negativ ist, sondern sogar eine Stärke sein kann (Stichwort Kreativität durch Hyperaktivität).
Ist ADHS eine Behinderung?
Ja und nein! Per Definition bedeutet Behinderung, dass die Teilhabe am Leben dauerhaft beeinträchtigt ist, etwa in Schule, Ausbildung und Beruf, aber auch im zwischenmenschlichen Umgang und generell im Alltag. Das trifft auf ADHS natürlich zu. Betroffene haben deshalb auch Anspruch auf sogenannte Nachteilsausgleiche und gegebenenfalls sogar auf einen Schwerbehindertenausweis. Doch wer gelernt hat, mit seiner ADHS umzugehen, und gut auf entsprechende Medikamente anspricht, ist im besten Fall symptomfrei, also nicht mehr eingeschränkt.
Ist ADHS eine Eigenschaft?
Ja und nein! Ein »typisches« ADHS-Gehirn arbeitet anders, was zu ganz bestimmten Eigenschaften führen kann. Die können positiv oder negativ sein. Der Grund dafür ist überwiegend genetischer Natur. Nur führen diese Eigenschaften eben häufig zu massivem Leidensdruck und sind daher behandlungsbedürftig. Ob man das dann noch als bloße Eigenschaften bezeichnen kann, sei dahingestellt. Vermutlich verwenden viele Menschen den Begriff ohnehin nur deshalb, weil sie den viel passenderen schlichtweg nicht kennen: Neurodivergenz!
Ist man mit ADHS neurodivergent?
Ja! Der fachsprachliche Begriff trifft es genau: Eine Person ist neurodivergent, wenn ihre neurologischen Funktionen von der Norm abweichen, ihr Hirn also einfach anders arbeitet als bei der Mehrheit der sogenannten neurotypischen Menschen. Kurz: ADHSler sind weder zwingend krank oder gestört noch behindert (können es aber durchaus sein!), sondern einfach neurodivergent – aber wiederum nicht neurodivers, wie häufig zu lesen ist. Denn neurodivers sind alle, ohne Ausnahme; sie sind entweder neurotypisch oder halt neurodivergent. Sprich: Die Menschheit in ihrer Gesamtheit ist neurodivers, Menschen mit ADHS (oder Autismus) sind neurodivergent.



