Judith Boehner (Foto) ist Psychologische Psychotherapeutin in Leverkusen und auf ADHS spezialisiert. Das ADHS-Journal sprach mit ihr.
ADHS-Journal: Was sollte ich als Erstes tun, wenn ich glaube, eine ADHS zu haben, die im Kindesalter nicht erkannt worden ist?
Judith Boehner: Bei ausgeprägten ADHS-Symptomen und deutlichem Leidensdruck empfehle ich auf jeden Fall, sich um einen Platz für eine Diagnostik in einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen Praxis zu kümmern. Leider sind die Plätze dafür rar und viele Praxen bieten diese Diagnostik auch gar nicht an. Mein Eindruck ist aber, dass sich immer mehr mit dem Thema ADHS beschäftigen.
Warum ist eine »offizielle« Diagnose eigentlich so wichtig?
Die meisten Patientinnen und Patienten, die in meine Praxis kommen, erleben die Diagnose zunächst als Erleichterung, als das »fehlende Puzzleteil«, um sich rückblickend besser verstehen und die ADHS-Symptome als solche einordnen zu können. Symptome wie Vergesslichkeit, Unorganisiertheit und so weiter wirken sich im Laufe des Lebens der Betroffenen oft auf ihren Selbstwert aus und führen zu Selbstzweifeln und Versagensängsten. Eine Diagnose im Erwachsenenalter kann dann helfen, die Symptome zunehmend vom Selbstwert loszulösen. Häufig kommt danach aber auch eine Phase, in der verpasste Chancen und der lange Leidensweg bis zur Diagnose betrauert werden.
Eine offizielle Diagnose ist darüber hinaus vor allem für eine ADHS-Medikation erforderlich. Denn die meisten ADHS-Medikamente sind Stimulanzien und fallen damit unter das Betäubungsmittelgesetz. Ohne offizielle Diagnose werden sie in den psychiatrischen Praxen nicht verschrieben. Ebenso kann man mit der Diagnose einen Nachteilsausgleich beantragen, zum Beispiel im Studium.
Und wie überbrücke ich am besten die Zeit, bis ich endlich einen Termin bekomme?
Viele meiner Patientinnen und Patienten beschäftigen sich vor der Diagnostik sehr tiefgehend mit ADHS und verfallen hier nicht selten in einen typischen Hyperfokus. Ich finde es sehr sinnvoll, sich selbst zum Thema ADHS zu informieren und zu belesen. Inzwischen findet man auf TikTok, YouTube und Co. allerdings so viele Videos dazu, dass es für Laien schwer sein kann, sich ein korrektes Bild von ADHS zu machen. Daher ist die offizielle Einschätzung von Fachleuten ja auch so wichtig. Im Erstgespräch halte ich stets eine Liste mit hilfreichen Büchern und Podcasts bereit.
Wie läuft eine solche Diagnostik denn konkret ab?
Die Fachperson orientiert sich in der Regel an der sogenannten S3-Leitlinie ADHS. Konkret heißt das bei mir, dass ich im Erstgespräch ausführlich exploriere, welche ADHS-Symptome aktuell bestehen, wie sich diese in den verschiedenen Lebensbereichen zeigen und welche Einschränkungen beziehungsweise welchen Leidendruck sie bei der Person oder in ihrem Umfeld erzeugen. Des Weiteren kläre ich differenzialdiagnostisch ab, ob eine andere psychische Erkrankung die Symptome besser erklären könnte. So beschreiben zum Beispiel depressive Menschen ebenfalls Konzentrations- und Antriebsschwierigkeiten. Diese sind in dem Ausmaß dann aber erst in der depressiven Phase entstanden. Die ADHS-Symptome hingegen müssen seit der Kindheit bestehen, auch wenn sie sich mit der Zeit natürlich verändern können.
Im Erstgespräch lasse ich mir, wenn noch auffindbar, die Grundschulzeugnisse zeigen und schaue nach Auffälligkeiten in der Verhaltensbeschreibung. Ich sage aber auch immer: »ADHS kommt selten allein!« Somit sind weitere psychische Erkrankungen, natürlich vor allem auch Depressionen, kein Ausschlusskriterium, sondern eher die Regel. Bestimmte körperliche Ursachen, zum Beispiel eine Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion, sollten allerdings unbedingt ausgeschlossen werden können.
Nach dem Erstgespräch gebe ich drei standardisierte Fragebogen mit, darunter einen zur Fremdbeurteilung durch eine nahestehende Person. Beim zweiten Termin führe ich ein standardisiertes diagnostisches Interview durch, das ich später detailliert auswerte. Die Patientin oder der Patient erhält dann zeitnah eine Rückmeldung von mir, ob sich die Diagnose bestätigt hat, und bekommt in diesem Fall einen ausführlichen Befund, mit dem sie oder er sich dann um eine Medikation kümmern kann.
Gibt es Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften oder biografische Details, auf die Sie ganz besonders achten?
Ja, jede Menge!
- War man als Kind Klassenclown, hat oft Mitschülerinnen und Mitschüler gestört und hatte man schon früh einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn oder Schwierigkeiten mit Autoritätspersonen?
- Oder war man eher still und verträumt, während des Unterrichts oft gedanklich abwesend und schaute oft aus dem Fenster?
- Wurde viel Sport getrieben und hatte man schon immer einen hohen Bewegungsdrang?
- Wurden Hobbys oft gewechselt und schnell uninteressant?
- Gab es Suchterkrankungen, finanzielle Probleme der Eltern oder war ein Elternteil vielleicht sogar ein Workaholic?
- Welche Berufe hatten die Eltern?
- Gibt es in der Familie Anzeichen für ADHS oder vielleicht sogar Diagnosen?
- Gab es impulsives Verhalten in der Familie und häufig Konflikte?
- Welche Substanzen wurden in der Jugend konsumiert und wie wirkten sie?
- Wird viel Koffein konsumiert und hat dies vielleicht sogar eine beruhigende Wirkung?
- Gibt es Impulsivität im Bereich Finanzen, Beziehungen, Substanzkonsum oder bezogen auf den Beruf?
- Wie reagiert man in Extremsituationen? Menschen mit ADHS haben hier oft einen sehr guten Überblick und können plötzlich sehr klar denken.
- Wie ist es mit Schlaf und der Fähigkeit zu entspannen?
- Sind oft viele Gedanken gleichzeitig da? Denn ADHSler denken zu viel und eigentlich nie zu wenig!
- Gibt es körperliche Beschwerden? Hier wird gehäuft von Tinnitus, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden, allergischen Erkrankungen, Neurodermitis und hormonell bedingten Beschwerden berichtet, vor allem prämenstruell, in der Schwangerschaft und in den Wechseljahren.
Was macht denn jemand, der kaum noch Erinnerungen an seine Kindheit hat, keine Grundschulzeugnisse mehr findet und auch niemanden aus seiner Familie einbinden kann?
Das kam in meiner Praxis bisher noch nicht vor. Bei einigen Menschen mit ADHS ist es aber tatsächlich so, dass die Erinnerungen an die Kindheit nicht mehr so stark sind. Meistens allerdings können sie noch die Eltern dazu befragen oder sich an Erzählungen über die Kindheit erinnern, sodass sich Muster ableiten lassen.
Gerade bei Frauen ist es aber oft so, dass sie in der Kindheit weniger auffällig waren. Hatten sie dann auch noch einen Bruder mit »auffälligem ADHS«, sind sie mit ihrer Verträumtheit häufig im Alltag untergegangen. Viele Frauen haben es sich auch als Kind schon abgewöhnt, unruhig und impulsiv zu sein, da dies bei Mädchen eben weniger toleriert wird und wurde. Hier verlagert sich die Hyperaktivität, die Impulsivität, dann oft nach innen. Nicht selten kommt es dabei zu einer Überkompensation, die zu zwanghaften Verhaltensweisen führt.
Hand aufs Herz: Ist eine ADHS-Diagnose wirklich objektiv?
Da es für ADHS keinen Bluttest gibt, gibt es in der Diagnostik natürlich immer Spielraum. In vielen Fällen in meiner Praxis sind die Testergebnisse aber sehr eindeutig und die Anamnese spricht klar für ADHS. Es gibt selbstverständlich auch Fälle, die nicht so klar sind. Wie schon gesagt: Gerade bei Frauen zeigt sich die Symptomatik oft anders. Viele Menschen mit ADHS sind hochfunktional und haben beruflich Karriere gemacht. Hier ist es erforderlich, »hinter die Fassade« zu schauen, sprich: Wie viel Energie kostet es, die etablierten Strukturen aufrecht zu erhalten? Häufig nämlich melden sich Patientinnen oder Patienten genau dann zur Diagnostik, wenn sie im Alltag eben nicht mehr funktionieren und sich bereits weitere Störungen entwickelt haben. Die Diagnose hängt also auch ein Stück weit von der Erfahrung der Diagnostikerin oder dem Diagnostiker ab.
Ich selbst bekomme auch Patienten von anderen Praxen geschickt, die sich selbst nicht mit ADHS auskennen. Denn ADHS war lange nur ein vermeintlich unbedeutendes Thema in der Psychotherapie und sogar lange nicht einmal prüfungsrelevant. Hier gibt es deshalb noch immer viel Halbwissen. Für viele ist ADHS weiterhin nur das klassische »Zappelphilip-Syndrom«, das selbstverständlich nur bei Jungen auftritt und sich im Erwachsenenalter einfach auswächst.
Sind denn die meisten Menschen, die Sie diagnostizieren, wirklich neurodivergent? Oder geben Sie häufiger eher »Entwarnung«?
Die Diagnose bestätigt sich schon sehr häufig. Auch der Verdacht auf Autismus ergibt sich dann manchmal im Rahmen des Erstgesprächs. Es gibt aber auch komplexe Fälle, in denen ich mir unsicher bin, weil beispielsweise die Kindheit sehr unauffällig ist und es viele Hinweise auf eine andere Ursache für die Symptomatik gibt. Das kommuniziere ich dann so.
Lässt sich ADHS, insbesondere der nicht ausschließlich hyperaktive Typ, sicher von psychischen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen unterscheiden? Schließlich werden viele Betroffene ja schon jahrelang zum Beispiel wegen vermeintlicher Depressionen behandelt …
Wie gesagt: Es gibt da durchaus Unterschiede. Erwähnenswert ist außerdem noch, dass sich Hyperaktivität und Impulsivität ja nicht nur rein motorisch zeigt – vor allem im Erwachsenenalter. Die Betroffenen berichten eigentlich immer auch von »kognitiver Impulsivität«: Hohe Ablenkbarkeit, Gedankensprünge, sich nicht auf ein Gespräch konzentrieren können und Impulsivität bei Entscheidungen sind ja eher innere Prozesse, die nach außen nicht immer so sichtbar sind.
Wie geht es nach der Diagnose dann konkret weiter?
In den meisten Fällen empfehle ich, eine medikamentöse Therapie zu beginnen. Oft entsteht hierdurch eine deutliche Besserung der Symptomatik und des Leidensdrucks. Nicht alle Menschen mit ADHS benötigen dann noch eine Psychotherapie. Bei vielen ist es aber ratsam. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie sollte dann zunächst viel Psychoedukation stattfinden. Denn es ist wichtig, seine ADHS gut zu verstehen und die individuellen Kernprobleme zu identifizieren. So können Strategien für den Alltag erarbeitet und die Begleiterkrankungen und Beschwerden behandelt werden. Außerdem empfehle ich immer auch den Austausch mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in Form einer Selbsthilfegruppe. Ich selbst biete ADHS-spezifische Gruppen an und erlebe hier den Austausch untereinander als sehr hilfreich und entlastend.
Vielen Dank für das interessante Gespräch, Frau Boehner!



