Dass ADHS keine Kinderkrankheit ist und sich eben nicht »einfach auswächst«, ist unter Fachleuten unstreitig und inzwischen auch weitgehend allgemein bekannt. Rund die Hälfte der Betroffenen, so wird geschätzt, leidet über ihre Jugendzeit hinaus unter ihrer Neurodivergenz. Aber heißt das im Umkehrschluss, dass mit 40 nur noch vielleicht ein Viertel und mit 60 ein Achtel von ihnen hyperaktiv ist oder ein Aufmerksamkeitsdefizit hat? Dr. Eugenio Horacio Grevet, Professor für Psychiatrie an der Universität Rio Grande do Sul, Brasilien, verneint das. In seiner Studie »Verlauf der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bis ins mittlere Erwachsenenalter« konnte er eine Remissionsrate von gerade einmal 5,7 Prozent beobachten. Er und sein Team hatten 323 Erwachsene mit ADHS 13 Jahre lang begleitet und die Ausprägung ihrer Symptome bei ihnen dokumentiert. Eine vergleichbare Studie dort unter Leitung von Dr. Rafael Karam hatte zehn Jahre zuvor eine vollständige diagnostische Remission, also das Verschwinden nahezu aller Symptome, bei immerhin 12,4 Prozent der 344 untersuchten Personen festgestellt. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass alle ADHS-Merkmale und Beeinträchtigungen dadurch wirklich dauerhaft verschwunden sind.
Lässt ADHS mit den Jahren nach?
Studien zeigen, dass die hyperaktiv-impulsiven Symptome mit zunehmendem Alter häufig zurückgehen, während die Unaufmerksamkeit vergleichsweise oft bleibt oder gar zunimmt. Die Ergebnisse der niederländischen Studie »Langzeitstabilität von ADHS-Symptomen bei älteren Erwachsenen« deuten indes auf eine bemerkenswerte Kontinuität der ADHS-Symptomatik hin. Doch weil Menschen mit ADHS über die Jahre in der Regel eine Vielzahl individueller Bewältigungs- und Kompensationsstrategien entwickeln, die die Auswirkungen der sogenannten Störung teilweise abfedern, nehmen sie sie bewusst manchmal gar nicht mehr wahr. Interessant: Im hohen Alter können ADHS-Symptome durchaus wieder stärker ausfallen, schreibt Dr. Charlotta Nilsen, Professorin für Gerontologie an der Universität Jönköping, Schweden, in ihrem Review »ADHS bei älteren Erwachsenen«. Eine mögliche Erklärung: Mit dem Eintritt in den Ruhestand fallen Routinen und Strukturen weg, die zuvor bewusst oder unbewusst geholfen und Bewältigungsstrategien überhaupt erst möglich gemacht haben.
Ohne Schere im Kopf: Das ADHS-Journal ist frei von bezahlter Fremdwerbung und nimmt kein Geld von Lobbyisten an. So geht unabhängiger, kritischer Journalismus – kostenlos für alle!




