Es klingt fast schon zu einfach, aber die Studienlage ist ziemlich eindeutig: Offensichtlich kann ADHS mit einem bloßen Netzhaut-Scan ziemlich zuverlässig diagnostiziert werden! 2015 bereits entdeckte der Neurologe Dr. Emanuel Bubl, damals Oberarzt im Universitätsklinikum Freiburg, dass die Nervenzellen auf der Netzhaut von Menschen mit ADHS übermäßig aktiv waren, was zu einem nachweisbar stärkeren »Hintergrundrauschen« führte. Vereinfacht gesagt wies er in seiner Studie »Elevated Background Noise in Adult Attention Deficit Hyperactivity Disorder Is Associated with Inattention« die fehlende oder zumindest eingeschränkte Filterfunktion bei der Verarbeitung von Reizen im Gehirn nach: das Phänomen, sich auf die wirklich wichtigen Informationen nur mit Anstrengung konzentrieren und sie von den unwichtigen trennen zu können, das Grundrauschen also zu unterdrücken. Zur Verdeutlichung für Nichtbetroffene: ADHS ist wie ein altes analoges Hörgerät, das sämtliche Geräusche aufsaugt wie ein Schwamm und verstärkt, aber eben nicht wie ein gesundes Gehör vorselektiert. Das allerdings ist essenziell, um etwa einem Gespräch in lauter Umgebung wirklich folgen zu können.
Ist über die Augen bald eine objektive ADHS-Diagnose möglich?
2025 dann der Durchbruch: Ausgehend von der Annahme, dass sich der ADHS-typisch geringe Dopaminspiegel im Hirn auf der Netzhaut niederschlägt, machten Dr. Hangnyoung Choi, Prof. Dr. JaeSeong Hong und Prof. Dr. Hyun Goo Kang von der Yonsei University in Südkorea höchst detaillierte Aufnahmen des Augenhintergrundes und werteten sie für ihre Studie »Retinal fundus imaging as biomarker for ADHD using machine learning for screening and visual attention stratification« KI-unterstützt aus. Ergebnis: Mit einer Trefferquote von »bis zu 96,9 Prozent« konnten sie auf diese Weise die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer mit ADHS identifizieren. Ob sich daraus tatsächlich Biomarker zur objektiven Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ableiten lassen, bleibt abzuwarten.
Kann ein Netzhaut-Scan auch ADHS von Autismus unterscheiden?
Optometrist Dr. Paul Constable von der Flinders University in Australien gelang es 2022 im Rahmen seiner Studie »Discrete Wavelet Transform Analysis of the Electroretinogram in Autism Spectrum Disorder and Attention Deficit Hyperactivity Disorder« zudem, anhand der Retina die Art der Neurodivergenz zu unterscheiden: Bei ADHS-Betroffenen war die gemessene elektrische Energie signifikant höher als bei der neurotypischen Kontrollgruppe, bei Autisten ebenso auffällig niedriger.
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