Interview mit Prof. Dr. Jan Kiesewetter: ADHS mit alltagstauglichen Übungen meistern

Die Diagnose ADHS führt in den ersten Tagen und Wochen oft zu Erleichterung und Verunsicherung zugleich. Darüber schreibt der Psychologische Psychotherapeut Prof. Dr. Jan Kiesewetter (Foto) in seinem Buch »Diagnose ADHS. Was nun?«, soeben erschienen bei Klett-Cotta. Und er beantwortet seine eigene Frage nicht nur theoretisch, sondern äußerst praxisnah: mit 118 Übungen für mehr Struktur, emotionale Regulation, Selbstwert und soziale Integration. Das ADHS-Journal sprach mit ihm.

ADHS-Journal: In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich besonders auf die Zeit unmittelbar nach der Diagnose. Was ist da das Gravierendste für die Betroffenen?

Prof. Dr. Jan Kiesewetter: Das Gravierendste ist, dass plötzlich die gesamte eigene Biografie in einem anderen Licht erscheint. Viele sitzen in meiner Praxis und sagen: »Jetzt ergibt alles Sinn.« Oder: »Hätte ich das mal früher gewusst!« Und in diesen Sätzen steckt beides: Erleichterung und ein bisschen Trauer. Jahrzehntelang haben sich diese Menschen gefragt, warum sie an scheinbar einfachen Dingen scheitern, warum sie sich nie richtig »sortiert« fühlen. Und dann kommt eine Diagnose, die besagt: »Es gibt einen neurobiologischen Grund. Du bist nicht faul, nicht unwillig, nicht kaputt; dein Gehirn funktioniert einfach anders!« Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel. Das ganze bisherige Leben wird quasi rückwirkend neu beschrieben. Und das ist ungeheuer kraftvoll, aber es ist auch erst mal viel zu verarbeiten. Die Diagnose ist also kein Schlussstrich, sondern ein Wendepunkt. Und der will begleitet sein.

Sie sagen es: Viele Erwachsene ärgern sich nach der Diagnose über vermeintlich verschenkte Lebenszeit. Was raten Sie ihnen als Erstes?

Dass dieser Ärger völlig in Ordnung ist! Die Frage »Was wäre gewesen, wenn …?« gehört dazu. Die sollte man nicht wegdrücken, sondern zulassen. Aber dann empfehle ich immer, den Blick zu wenden: hin zur Psychoedukation. Also erst mal wirklich zu verstehen: Was ist ADHS eigentlich? Was passiert da in meinem Kopf? Denn dieses Wissen nimmt den Selbstvorwürfen den Wind aus den Segeln.

Und dann gibt es da natürlich diese Übung im Buch, die mir besonders am Herzen liegt: den »Brief an mein jüngeres Ich«. Da schreiben Betroffene ihrem früheren Ich – dem Kind, das in der Schule immer hörte: »Du musst dich mehr anstrengen!« – einen mitfühlenden Brief. Nicht um die Vergangenheit schönzureden, sondern um sie mit anderen Augen zu sehen. Das klingt vielleicht weich, aber ich erlebe regelmäßig, wie heilsam das ist. Man kann 20, 30 Jahre Selbstkritik nicht in einer Woche auflösen. Aber man kann anfangen, mit sich selbst anders zu sprechen. Das ist der erste und wichtigste Schritt.

Welche der 118 Übungen ist aus Ihrer Sicht denn die wichtigste?

Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen: Die eine wichtigste gibt es nicht. Und das ist auch gut so! ADHS ist so individuell wie die Menschen, die damit leben. Was bei der einen Person Wunder wirkt, lässt die andere völlig kalt.

Wenn ich aber ein Prinzip nennen müsste, das sich durch das ganze Buch zieht, dann ist es das Verständnis von Über- und Unterstimulation. Ich benutze dafür das Bild vom Drehzahlmesser: Im unteren Bereich springt der Motor gar nicht erst an; da kann man noch so sehr wollen und kommt trotzdem nicht ins Tun. Dann braucht es gezielte Zusatzstimulation: Musik, Bewegung, Kaugummi. Im mittleren Bereich läuft alles rund. Und darüber wird’s kritisch: Dann überhitzt das System und es passiert gar nichts mehr. Viele Betroffene haben jahrelang gegen diesen Mechanismus angekämpft, ohne ihn zu verstehen. Sobald sie ihn verstehen, verändert sich alles. Also vielleicht ist das die wichtigste Übung: die eigene Drehzahl kennenzulernen und zu respektieren.

Sie beschäftigen sich auch mit dem Weg vom Masking zum Unmasking. Was ist dabei nach der Diagnose der wichtigste Schritt?

Erst mal hinsehen! Klingt banal, ist es aber nicht. Viele Betroffene haben über Jahre und Jahrzehnte Strategien entwickelt, um nicht aufzufallen: Sie zwingen sich, ruhig zu sitzen, obwohl der Körper Bewegung braucht; sie unterdrücken spontane Impulse; sie spielen konzentriert, obwohl der Kopf längst woanders ist. Das alles läuft irgendwann so automatisch, dass man es selbst gar nicht mehr bemerkt.

Der erste Schritt ist also, diese Masken überhaupt zu erkennen. Im Buch haben wir 25 Beispiele für typisches Masking zusammengetragen. Und ich sehe in Gruppentherapien regelmäßig, wie befreiend es ist, wenn jemand so etwas liest wie »sich für Vergesslichkeit entschuldigen, statt Strategien zu nutzen« oder »sich für Tagträume schämen« und dann denkt: »Genau das mache ich!« Dieses Wiedererkennen ist der Türöffner.

Und dann geht es um kleine Schritte. Unmasking heißt nicht: »Ab morgen lasse ich alles raus!« Sondern: in einem sicheren Rahmen ausprobieren, wie es sich anfühlt, authentischer zu sein. Das ist kein Schalter, den man umlegt, sondern ein Prozess. Schritt für Schritt. Im eigenen Tempo.

Wie lange dauert diese erste Phase nach der Diagnose? Ist man irgendwann »angekommen«?

Ich würde lügen, wenn ich Ihnen da eine Zahl nennen würde. Das ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Manche haben nach ein paar Wochen das Gefühl, dass sich der Nebel lichtet. Bei anderen dauert es Monate, bis sie wirklich in diesem neuen Selbstverständnis ruhen. Und Rückschläge gibt es bei allen.

Die Vorstellung vom Ankommen finde ich übrigens trügerisch – und auch ein bisschen gnadenlos. ADHS verschwindet ja nicht. Es geht nicht darum, irgendwann fertig zu sein mit dem Thema, sondern darum, eine Haltung zu entwickeln: »Ich kenne mein Gehirn jetzt. Ich weiß, was es braucht und was es überfordert. Ich habe einen Werkzeugkasten, aus dem ich schöpfen kann. Und ich begegne mir selbst mit mehr Freundlichkeit als früher.«

Das letzte Kapitel im Buch heißt nicht umsonst »Mut zur Veränderung«. Da steht: »Am Ende ist es nicht Perfektion, die zählt, sondern der Mut, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.« Das ist für mich die ehrlichste Antwort auf die Frage nach dem Ankommen.

Über ADHS wird in den sozialen Medien hoch emotional diskutiert. Was muss sich da ändern? Und wie geht man selbst damit um?

Was sich ändern muss: mehr Wissen, weniger Mythen. Es gibt nach wie vor diese hartnäckigen Vorurteile: »ADHS gibt’s doch gar nicht, das ist eine Ausrede!« Oder: »Nur Kinder haben ADHS!« Und: »Die sind doch einfach faul!« Das ist wissenschaftlich alles längst widerlegt, aber es hält sich zäh. Gerade in den sozialen Medien vermischt sich dann seriöse Aufklärung mit Halbwissen und Selbstdiagnosen. Und das macht es für Betroffene zusätzlich schwer. Ich wünsche mir mehr sachliche Einordnung und weniger Lagerdenken.

Und wie geht man selbst damit um, wenn Diskussionen emotional hochkochen?

Mein Rat: Schützen Sie sich! Nicht jeder Kommentar verdient eine Antwort. Nicht jede Debatte müssen Sie führen. Im Buch gibt es eine Übung, die heißt »Vergleichs-Stopp«. Die passt hier sehr gut. Es geht darum, sich bewusst aus diesem vergleichenden, bewertenden Modus rauszuziehen und den Fokus zurück auf die eigenen Werte und Bedürfnisse zu lenken.

Ich sage meinen Patientinnen und Patienten oft: »Sie müssen niemandem beweisen, dass Ihre Diagnose echt ist. Sie müssen nicht die Botschafterin für ADHS sein, wenn Sie dafür heute keine Energie haben. Manchmal ist der klügste Schritt, das Handy wegzulegen und stattdessen einen achtsamen Spaziergang zu machen.« Das klingt simpel. Aber es wirkt!

Und das ist ein schönes Schlusswort! Vielen Dank für das Gespräch.

Buchcover Diagnose ADHS Was nun

 


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