Gerade bei Frauen wird ADHS oft erst sehr spät erkannt. Die Folgen sind nicht selten gravierend. Neuropsychologin Julia Frey (Foto) erlebt das in ihrer Praxis in Zürich und Aarau täglich. Soeben ist ihr Ratgeber »Frauen mit ADHS. Diagnostik und Interventionen in Therapie und Coaching«, Hogrefe Verlag, erschienen. Damit will sie insbesondere Fachkräfte für die geschlechtsspezifischen Unterschiede sensibilisieren. Das ADHS-Journal hat mit ihr gesprochen.
ADHS-Journal: Warum ist es bei Frauen so viel schwieriger oder seltener, ADHS festzustellen?
Julia Frey: Dass ADHS bei Frauen und Mädchen seltener entdeckt wird, ist auf vielfältige Gründe zurückzuführen. Obwohl bereits vor über 40 Jahren auf wesentliche Geschlechterunterschiede hingewiesen wurde, werden Mädchen in den Diagnosekriterien bis heute zu wenig berücksichtigt. Die Diagnosekriterien basieren auf einer Stichprobe, welche nur zu rund einem Fünftel aus Mädchen bestand, was nahelegt, dass die Beschreibung der Symptome hauptsächlich jene Auffälligkeiten abbilden, welche bei Jungen beobachtet werden. ADHS kann sich bei Mädchen jedoch anders zeigen, wobei diese Verhaltensweisen dann folglich seltener mit einer ADHS in Verbindung gebracht werden. Zudem zeigen sich Symptome bei Frauen nicht selten erst zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel im Studium oder in der Mutterschaft, in klinisch relevanter Weise, was ein Grund sein kann, dass sie in der Kindheit nicht erkannt werden. Auch wenden Mädchen und Frauen häufiger Kompensationsstrategien an, wobei Schwierigkeiten aktiv kompensiert oder überspielt werden und Herausforderungen so weniger auffallen. Nicht zuletzt werden selbst identische Symptome von beispielsweise Lehrpersonen oder Eltern geschlechtsabhängig anders interpretiert, wobei bei Jungen häufiger diagnostische Abklärungen empfohlen werden. Im Erwachsenenalter scheint die Kindheit retrospektiv häufig »zu wenig auffällig« gewesen zu sein, um eine Diagnose zu stellen. Zudem können wiederum ausgeklügelte, aber energiezehrende Kompensationsstrategien oder im Verlauf auftretende psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen die diagnostische Einordnung im Erwachsenenalter erschweren.
Sind betroffene Frauen denn überdurchschnittlich häufig vom unaufmerksamen ADHS-Typus und fallen daher schneller durchs Raster?
Häufig wird beschrieben, dass weibliche Personen eher von ADHS mit vorwiegend unaufmerksamem Erscheinungsbild betroffen sind. Gleichzeitig finden sich aber bei vielen Mädchen und Frauen durchaus hyperaktive Symptome, welche jedoch oft weniger auffällig und von außen weniger sichtbar sind. Die Hyperaktivität führt oft zu sozialer Zurückweisung. Und da Mädchen und Frauen eher dazu neigen, sozial erwünschtes Verhalten zu zeigen, unterdrücken oder verstecken sie entsprechende Symptome häufiger. Die motorische Unruhe kann sich dann also eher subtil zeigen – zum Beispiel mit den Haaren spielen, Häutchen an den Fingern abzupfen, auf die Innenseite der Wange beißen – oder die Unruhe richtet sich ganz nach innen, was zu einer deutlichen inneren Spannung führt. Im Vergleich zu den stereotypen Vorstellungen eines hyperaktiven Jungen mit ausgeprägter motorischer Unruhe fällt dieses Verhalten natürlich viel weniger auf und wird auch als weniger störend empfunden.
Viele, auch vermeintliche Fachleute, verbinden ADHS noch immer mit dem »Zappelphilipp, der den Unterricht stört«. Doch das greift natürlich zu kurz. Warum ist das so, was läuft hier schief?
Die Diagnosekriterien und auch etliche Fragebogenverfahren, die im diagnostischen Prozess eingesetzt werden, spiegeln nach wie vor dieses Bild. Und solche stereotypen Vorstellungen halten sich oft hartnäckig. Ein Problem ist, dass Wissen über gendersensible Diagnostik oft nicht im Studium oder in Weiterbildungen vermittelt wird, obwohl dies für diagnostische Verfahren relevant ist. Es ist wichtig zu wissen, dass sich ADHS bei Frauen anders zeigen kann oder dass beispielsweise hormonelle Schwankungen einen Einfluss auf die ADHS-Symptomatik haben können. Fachpersonen müssen sich dieses Wissen jedoch meist selbst und auf eigene Initiative aneignen. Diesbezüglich kann die Präsenz des Themas in den Medien das Bewusstsein für die Wichtigkeit dieser Themen nicht nur bei Betroffenen, sondern auch bei Fachpersonen schärfen.
Sind denn auch Jungen und Männer des nicht hyperaktiven Typus unterdiagnostiziert oder ist das eher ein Phänomen, das ausschließlich bei Frauen auftritt?
Klar gibt es auch Jungen oder Männer, die in der Kindheit nicht erkannt, erst spät oder gar nicht diagnostiziert werden, was ebenfalls auf verschiedene Gründe zurückzuführen ist. Dennoch tragen strukturelle Gegebenheiten und genderspezifische Einflüsse dazu bei, dass Mädchen und Frauen nach wie vor deutlich häufiger nicht erkannt werden als männliche Personen.
Unterscheiden sich die Behandlung und der Umgang mit ADHS bei Frauen denn grundsätzlich?
Nein. Gleichzeitig stehen Frauen mit ADHS vor verschiedenen gesellschaftlichen Herausforderungen, welche oftmals Thema in der Therapie oder im Coaching sind. Dabei lohnt es sich, strukturelle Gesichtspunkte in den Behandlungsprozess einzubeziehen. Dazu gehören mitunter traditionelle Rollenerwartungen: Der Versuch, diese meist sowieso schon unrealistischen Ansprüche zu erfüllen, wird durch die ADHS-bedingten Schwierigkeiten oft zu einer doppelten Belastung. So sind beispielsweise Herausforderungen im Zusammenhang mit der Mutterschaft ein häufiges Thema. Auch kann das Wissen über hormonelle Einflüsse auf die Symptomatik, etwa im Rahmen des Menstruationszyklus oder der Wechseljahre, zu Entlastung und neuen Perspektiven beitragen. Nicht zuletzt spielen Selbstwertthemen sowie Schuld- und Schamgefühle gerade bei einer erst spät diagnostizierten ADHS oft eine Rolle, wobei ohne Diagnose der Bezugsrahmen lange gefehlt hat, um das vielfach beschriebene Gefühl, »anders« und »falsch« zu sein, einordnen zu können.
Im Zusammenhang mit Medikamenten gilt bei allen Erwachsenen die Behandlung mit Stimulanzien als Therapie der ersten Wahl. Obwohl das Ansprechen darauf unabhängig des Geschlechts vergleichbar ist, zeigt sich in der Praxis, dass Mädchen seltener Stimulanzien verschrieben werden, und zwar selbst dann, wenn der Schweregrad der Symptomatik mitberücksichtigt wird. Eine frühzeitige Behandlung geht jedoch mit einer Vielzahl positiver Outcomes einher; somit ist es relevant, dass Personen mit ADHS unabhängig vom Geschlecht über medikamentöse Therapieoptionen aufgeklärt werden und diese, falls indiziert, auch verschrieben werden.
Was muss sich in Fachwelt und Gesellschaft Ihrer Ansicht unbedingt ändern beim Umgang mit der sogenannten Störung?
Wir Fachpersonen sollten immer wieder eigene Vorstellungen hinterfragen, um Menschen möglichst unvoreingenommen zu begegnen und den Einfluss durch stereotype Annahmen auf die Diagnostik und Behandlung zu reduzieren. Dazu gehören neben geschlechtsspezifischen Stereotypen aber auch weitere im medizinischen Bereich bekannte Diskriminierungsformen wie beispielsweise Rassismus und Diskriminierung aufgrund des Gewichts, wobei ADHS sowohl bei People of Colour als auch bei Menschen mit Adipositas unterdiagnostiziert ist. Ich glaube, da können wir noch viel dazulernen.
Stichwort Stigmatisierung: Was kann, was muss sich da ändern?
Menschen mit ADHS sind bis heute mit vielen Stigmata konfrontiert, was wesentlich zum Leidensdruck beitragen kann. Die große Präsenz des Themas kann zwar einerseits zur Entstigmatisierung beitragen, andererseits werden die Herausforderungen von Betroffenen oft nicht ernst genommen und beispielsweise mit Aussagen wie »Jetzt haben ja alle ADHS!« quittiert. Auch würde ich nicht von »Modediagnose« sprechen, solange viele Frauen und andere unterdiagnostizierte Gruppen mit langen Leidenswegen noch immer keine Diagnose haben.
Ich wünsche mir eine aufgeschlossene Haltung gegenüber dem Thema Neurodivergenz im Allgemeinen, wo Abweichungen von der definierten Norm nicht als negativ oder falsch bewertet werden und gleichzeitig die alltäglichen Herausforderungen, die sich durch diese Funktionsweise ergeben, anerkannt werden.
Vielen Dank für das Gespräch!

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