Interview mit Dr. Bernd Guzek: Welche Rolle spielt GABA bei ADHS?

»Depressionen, Burnout, ADHS, Stress, Suchterkrankungen – all diesen Beschwerden liegt oft ein GABA-Mangel zugrunde«, sagt der Arzt und Wissenschaftsjournalist Dr. Bernd Guzek (Foto). Veränderungen im GABA-System seien ein bislang vollkommen unterschätzter Faktor. Im Heyne Verlag erscheint dazu heute sein Buch »So kommt der Kopf zur Ruhe. Mit dem Botenstoff GABA gegen Ängste, ADHS, Schlafstörungen und innere Unruhe«. Das ADHS-Journal sprach mit ihm.

ADHS-Journal: Bei ADHS haben GABA wahrscheinlich nicht sehr viele Menschen auf dem Schirm. Was steckt dahinter?

Dr. Bernd Guzek: Stimmt. Bei ADHS denken alle an Dopamin und Noradrenalin. Zu Recht, die sind zentral. Aber sie sind eben nicht die ganze Geschichte! Denn mit der Magnetresonanzspektroskopie lässt sich zeigen: Menschen mit ADHS haben in bestimmten Hirnregionen weniger GABA. Und GABA ist der Botenstoff, der für die sogenannte kortikale Hemmung zuständig ist – die Fähigkeit des Gehirns, Unwichtiges wegzudrücken. Wenn Sie sich in einem lauten Café unterhalten, dämpft Ihr Gehirn automatisch den Lärm ringsum. Bei ADHS funktioniert dieser Filter schlechter, wie wir wissen. Alles kommt gleich laut rein.

Dazu passt der zweite Befund: Die GABA-Funktion im präfrontalen Kortex – dem Kontrollzentrum für Impulse, Planung, Aufmerksamkeit – scheint herabgesetzt zu sein. Und der Gegenspieler Glutamat, das Gaspedal, ist tendenziell zu stark: Zu viel Gas, zu wenig Bremse! Genau das findet sich in den Kernsymptomen wieder: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität. Wichtig zur Einordnung: Das ist aktuelle Forschung und noch nicht abschließend geklärt. Aber ignorieren sollte man es nicht mehr.

Kann GABA also »typische« ADHS-Medikamente überflüssig machen?

Nein. Und ich wäre sehr vorsichtig mit jedem, der das behauptet. Methylphenidat beispielsweise hemmt primär die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin. Es steigert nebenbei aber auch die GABA-Wirkung im Striatum. Das ist jene Hirnstruktur, die Impulskontrolle und Bewegungssteuerung mitreguliert. Heißt: Ein Teil der Wirkung, die Betroffene als »ruhiger werden« erleben, läuft ohnehin über das GABA-System.

Wenn jemand nun GABA ergänzt und berichtet, dass er unter Methylphenidat weniger »hibbelig« ist, dann greifen da zwei Dinge an derselben Stelle ineinander. Und dass an medikamentenfreien Tagen eine ruhigere Grundstimmung bleibt, wie Patienten berichten – ohne dass GABA eine Methylphenidat-ähnliche Wirkung entfalten würde –, ist das, was man erwarten würde: GABA dämpft die Übererregung, es ersetzt aber nicht den Dopamin-Noradrenalin-Effekt. Es senkt den Grundpegel; es schärft aber nicht den Fokus wie ein Stimulans.

In ADHS-Selbsthilfeforen kursiert daher dieser Tipp: »Methylphenidat plus GABA.« Das ist kein Ersatz, das ist eine Ergänzung. Wer es so angeht, sollte das aber mit dem behandelnden Arzt absprechen.

Ist GABA denn ein echter Gamechanger oder »nur« unterstützend sinnvoll?

Ich schreibe im Buch ein ganzes Kapitel dazu, warum GABA kein Wundermittel ist. Wundermittel gibt es nur in Spam-Mails. Also: unterstützend, ja. Aber ein starkes Unterstützend! GABA ist kein Ersatz für Diagnostik, Medikation oder Verhaltenstherapie. Aber es ist ein Stellhebel, den die klassische ADHS-Behandlung bisher weitgehend links liegen lässt, und das zu Unrecht.

Was genau bewirkt GABA im Körper?

GABA ist der wichtigste hemmende Botenstoff im zentralen Nervensystem. Es bremst überschüssige elektrische Aktivität, verhindert Reizüberflutung und verbessert damit indirekt Konzentration und Fokussierung. Es reguliert die Muskelspannung, was das Zappelige dämpft. Es wirkt auf das autonome Nervensystem und kann in Stresssituationen Herzfrequenz und Blutdruck senken. Und es beeinflusst die Stimmung; bei Reizbarkeit und innerer Unruhe findet man häufig niedrige GABA-Werte.

Ein Punkt, den ich gerne loswerde, weil er die Diskussion seit Jahrzehnten vergiftet: Man liest immer wieder, GABA könne die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden und deshalb gar nicht wirken. Diese Lehrmeinung geht auf Arbeiten aus den 1950er-Jahren zurück. Ein Beweis wurde damals nicht geliefert. Inzwischen kennt man Transportsysteme an der Blut-Hirn-Schranke, die aktiv mit GABA umgehen. Und selbst wenn kein Molekül ins Gehirn käme: GABA wirkt auch über den Vagusnerv, also gewissermaßen aus der Ferne. Studien zu Höhenangst und Konzentrationsförderung zeigen messbare Effekte. Ehrlich bleiben muss man trotzdem: Bei ADHS speziell ist die Datenlage dünn.

Was müssen Betroffene beachten, wenn sie GABA zur Linderung ihrer Symptome einsetzen wollen?

Der wichtigste Satz zuerst: Nicht auf eigene Faust, wenn Medikamente im Spiel sind! Konkrete Grenzen aus dem Buch:

  • Epilepsiemedikamente: Finger weg! Die Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem sind nicht vorhersehbar.
  • Schlafmittel: Höchste Vorsicht, sobald Sie ins GABA-System eingreifen!
  • Alkohol und Cannabis: Beides verstärkt die beruhigende Wirkung, teils unangenehm stark.
  • Niedriger Blutdruck: GABA entspannt, die Gefäße weiten sich, der Blutdruck kann weiter sinken. Vorsichtig testen!
  • Herzerkrankungen: Vorher mit dem Kardiologen sprechen!
  • Schwangerschaft, Stillzeit, Minderjährige: Es gibt kaum belastbare Daten. Also lieber lassen! Das ist für ADHS besonders relevant, weil viele Betroffene Kinder und Jugendliche sind.

Nebenwirkungen sind insgesamt selten und meist mild: ein Kribbeln oder Brennen auf der Haut, gelegentlich Kopfschmerzen oder leichter Schwindel. Manche haben kurz das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. Das ist aber keine echte Atemnot, sondern eine sehr stark entspannte Atemmuskulatur, die das Gehirn irritiert. Ruhig weiteratmen, dann legt sich das.

Und noch etwas: Der Bedarf schwankt. Ein stressiger Dienstag ist etwas anderes als ein ruhiger Sonntag. Betroffene berichten, dass sie recht schnell ein gutes Gefühl dafür entwickeln, wann ihnen wie viel guttut. Anders als bei Benzodiazepinen entsteht dabei keine »Watte im Kopf«.

Ein Sonderfall, der in ADHS-Foren immer wieder auftaucht: die Kombination von GABA mit Taurin. Taurin erhöht die Empfindlichkeit der GABA-A-Rezeptoren und verstärkt so die GABA-Wirkung. Es gibt zudem Hinweise, dass es die GABA-Freisetzung erhöht. Manche profitieren davon sehr. Bewiesen ist das allerdings nicht. Das muss man dazusagen.

Welche Rolle spielen dabei die richtige Ernährung und Bewegung?

Eine große. Und die kostet nichts. Bewegung ist der unterschätzteste Hebel überhaupt: Sport erhöht den GABA-Spiegel und reduziert überschüssiges Glutamat. Er greift also an genau der Stelle an, wo bei ADHS das Ungleichgewicht sitzt. Schon 30 Minuten zügiges Gehen wirken wie eine kleine innere Reset-Taste. Bei ADHS ist das doppelt sinnvoll, weil Bewegung zusätzlich Dopamin mobilisiert.

Bei der Ernährung sind drei Dinge gut belegt genug, um sie zu nennen:

  • Magnesium dämpft übermäßige Erregung und stützt so das GABA-System.
  • Vitamin B6 wird für die Synthese von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin gebraucht. Ein Mangel bringt genau die Botenstoffe durcheinander, auf die es bei ADHS ankommt. Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen können die Folge sein. Einige Studien zeigen, dass die Kombination aus Magnesium und B6 ADHS-Symptome verbessern kann.
  • Omega-3-Fettsäuren: Kinder mit ADHS haben häufig niedrigere Spiegel. DHA ist Hauptbestandteil neuronaler Zellmembranen und moduliert GABA-Rezeptoren. EPA reguliert Neurotransmitter und wirkt entzündungshemmend, was zur Hypothese einer niedriggradigen Entzündung bei ADHS passen würde. Kein Medikamentenersatz, aber eine sinnvolle Flankierung!
  • Dazu kommen L-Theanin aus grünem Tee, das die GABA-Wirkung erhöht, ohne müde zu machen, und Meditation, die die Selbstregulation über eine präfrontale GABA-Aktivierung stärkt.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke!


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