Die Symptome von ADHS und Depressionen ähneln sich teilweise stark. Nicht selten kommt es daher zu Fehldiagnosen, wird vor allem ADHS leicht übersehen. Häufig treten beide auch gemeinsam auf und müssen entsprechend behandelt werden. Genau damit befasst sich Prof. Dr. Maria Strauß (Foto) in ihrem neuen Buch »Zwischen ADHS und Depression«, Verlag W. Kohlhammer. Sie ist Leiterin des Fachbereichs ADHS und Affektive Störungen in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Das ADHS-Journal hat mit ihr gesprochen.
ADHS-Journal: Was macht es so schwierig, ADHS und Depressionen zu unterscheiden?
Prof. Dr. Maria Strauß: Es gibt Symptomüberschneidungen zwischen beiden Störungen, zum Beispiel Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen. Dadurch kann es schwierig sein zu unterscheiden, welches Symptom zu welcher Störung gehört. Entscheidend ist oft der Verlauf: ADHS besteht in der Regel seit der Kindheit, während Depressionen eher in Phasen auftreten.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass ADHS und Depression überdurchschnittlich häufig gemeinsam auftreten. Wie kommt das?
Das ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich spielen sowohl gemeinsame biologische als auch psychosoziale Faktoren eine Rolle. ADHS kann den Alltag für viele dauerhaft anstrengender machen und somit das Risiko für depressive Episoden erhöhen.
Wenn sowohl ADHS als auch eine Depression vorliegt, reicht es nicht, beides unabhängig voneinander zu behandeln. Vielmehr muss dies, wie Sie erläutern, aufeinander abgestimmt werden. Worauf kommt es dabei an?
In diesem Kontext ist eine der größten Herausforderungen, die Frage zu klären, was zuerst behandelt werden soll. Diese Frage kann noch nicht anhand von Behandlungsstudien ausreichend beantwortet werden. Stattdessen muss bei jedem Betroffenen individuell entschieden werden, ob eine bestimmte Reihenfolge sinnvoll ist oder eine gleichzeitige Behandlung beider Störungen besser erscheint.
Maskieren Depressionen nicht häufig auch eine ADHS? Viele Betroffene werden ja jahrelang erfolglos wegen Depressionen behandelt, weil viele Ärztinnen und Ärzte ADHS gar nicht erst in Erwägung ziehen. Ist denn eine Depression Auslöser einer ADHS oder umgekehrt?
Treten beide Erkrankungen gemeinsam auf, beeinflussen sich die Symptome häufig gegenseitig. Deshalb ist es wichtig, zum Beispiel bei einer erfolglos behandelten Depression auch an eine zusätzliche ADHS zu denken.
In Ihrem Buch betonen Sie, dass bestimmte Musik bei der Behandlung eine große, vielleicht sogar unterschätzte Wirkung haben kann. Wie kommt das?
Musik kann Menschen mit ADHS dabei helfen, ihre Aufmerksamkeit zu bündeln und somit ihre übermäßige Ablenkbarkeit zu verringern. Darüber hinaus kann sie bei besonders langweiligen Aufgaben die Motivation und den Antrieb steigern.
Vielen Dank für das Gespräch!
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