Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf der Hand zu liegen: Mit ADHS »funktionieren« Krimis und Thriller am besten. Sie sind spannend und stets passiert Überraschendes – perfekt für wohldosierte Dopaminschübe, so die Schlussfolgerung. Epische Klassiker oder gar philosophische Wälzer sind für ein neurodivergentes Hirn indes anstrengend, weil sie in ungewohnter Sprache und mit langen Herleitungen daherkommen, und daher nicht zu empfehlen. Aber ist das tatsächlich so? Können ADHSler wirklich nur mit Dauer-Action bei Laune gehalten werden, weil ihre Gedanken sonst allzu schnell abschweifen?
Ist mit ADHS Lesen als Freizeitbeschäftigung überhaupt zu empfehlen?
Einerseits ist nachgewiesen, dass ADHS-Betroffene beim Lesen schneller ermüden und ihre Augenbewegungen dann buchstäblich erlahmen. Auch dass ihre Gedanken schneller abschweifen und sie somit einer Handlung in der Regel viel schwerer folgen können als neurotypische Menschen, gilt als gesichert. Andererseits hilft ihnen natürlich ihr Hyperfokus: Einmal in den Flow gekommen, weil die Lektüre als interessant genug klassifiziert worden ist, können selbst sehr anspruchsvolle Bücher überraschend leicht lesbar werden, sodass es auch mit ADHS praktisch keine Grenzen mehr gibt. Dann ist faktisch jedes Genre geeignet, vorausgesetzt der Hyperfokus kann vom Inhalt dauerhaft gehalten werden. In der Folge erzeugt auch schwerste literarische Kost Dopamin!
Sind bei ADHS dicke oder dünne Bücher besser geeignet?
Die Seitenzahl eines Romans, Sachbuches oder Gedichtbandes sagt per se erst einmal nichts darüber aus, ob sie »ADHS-geeignet« sind. Zwar schreckt viele alles über 500 Seiten zunächst ab. Anders als Menschen ohne Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung kapitulieren sie nicht vor der bloßen Länge eines etwa historischen Romans, sondern in erster Linie vor der Herausforderung, sich hochkomplexe Handlungsstränge und ganze Stammbäume einprägen zu müssen. Doch die Antwort sind deshalb nicht automatisch dünne Bücher. Das Problem hier: Sie sind schnell gelesen; doch es braucht im Anschluss ein erhebliches Maß an Motivation, um überhaupt wieder in etwas Neues eintauchen zu können, sagen Betroffene. Thematisches Lesen kann dieses Dilemma lösen. Bei Sachbüchern wird beispielsweise alles zu einer gerade interessierenden Frage verschlungen und bei Belletristik ganze Buchreihen in Angriff genommen oder gleich das Gesamtwerk von Autorinnen und Autoren. Ziemlich unterschätzt sind übrigens Fortsetzungen, auch und vor allem in Heftromanform. Denn die lösen im Idealfall mehrere Probleme auf einmal: Sie erzeugen Spannung und damit Dopaminkicks über Tausende Seiten, kommen dabei stets in bei ADHS idealen kleinen Häppchen daher und sind insgesamt Hyperfokus-freundlich.
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