
»Menschen mit ADHS fühlen nicht stärker, weil sie empfindlicher sein wollen. Sie fühlen stärker, weil ihr System die Reize weniger filtert«, weiß Kristian Luge. Er macht Musik als »247.blue«. Alle seine Lieder handeln von ADHS – nicht als Diagnose, sondern als Erfahrung. In seiner Gastkolumne, exklusiv im ADHS-Journal, betrachtet er sein Leben mit ADHS aus einer feuilletonistischen Perspektive anhand seiner eigenen Songs: persönlich, tiefgründig und ohne Maske. »Zu Viel« ist Teil seines Albums »ADHS I«.
Es gibt Menschen, die lieben leise. Die sagen es mit kleinen Zeichen, mit einem Blick, einer Berührung im Vorbeigehen, einem Satz zwischen zwei anderen Sätzen. Und es gibt Menschen wie mich, bei denen Liebe so laut ist, dass sie den ganzen Raum füllt. Die nicht leise können, nicht halb, nicht ungefähr. Die alles geben, sofort, ohne Filter – und die dann in den Augen des anderen lesen, ob es zu viel war. Meistens war es zu viel …
Ich will hier nicht über ADHS in Beziehungen sprechen, als wäre es ein klinisches Thema. Es ist kein klinisches Thema. Es ist das, was passiert, wenn zwei Menschen nebeneinander aufwachen und der eine von ihnen die Welt anders wahrnimmt als der andere – und beide nicht wissen, wie sehr.
»Du sagst: ›Passt schon.‹ Und ich höre: ›Geh!‹«
Stell dir vor, du sitzt deinem Menschen gegenüber am Frühstückstisch. Er sagt etwas Beiläufiges, vielleicht nur »Ist okay« oder »Passt schon«. Zwei Wörter, die für ihn nichts bedeuten. Doch du hörst darin den Ton seiner Stimme, der heute irgendwie anders klingt als gestern. Du siehst, dass er beim Sprechen nicht aufschaut. Du merkst, dass seine Hand den Kaffee anders hält, ein bisschen fester, ein bisschen weiter weg von dir. Und in der Sekunde, in der du das alles wahrnimmst – und du nimmst es alles in derselben Sekunde wahr! –, beginnt in dir ein Film zu laufen: »Er zieht sich zurück. Er hat genug. Du hast gestern etwas gesagt, das zu viel war. Du hast wieder nicht zugehört. Oder du hast zu viel zugehört. Und jetzt ist da ein Riss. Und der Riss wird größer …« Du weißt, du solltest jetzt einfach ruhig bleiben und fragen. Aber du kannst nicht fragen, weil die Antwort, die du dir bereits gegeben hast, schon so laut ist, dass sie alles überdeckt.
Und er sitzt da und trinkt seinen Kaffee und denkt: an gar nichts!
Das ist der Alltag. Nicht der dramatische, nicht der, von dem man seinem Therapeuten erzählt. Sondern der leise. Der, der jeden Tag passiert. Zwischen Frühstück und Abschiedskuss, zwischen Tür und Telefonat, zwischen einem Augenrollen, das vielleicht gar keines war, und einem Schweigen, das du mit Tausend Bedeutungen füllst, die natürlich alle gegen dich sprechen.
»Man weiß, dass der Film im Kopf nicht die Realität ist. Und man kann trotzdem nicht aufhören.«
Ich habe »Zu Viel« geschrieben, weil ich diesen Raum kenne. Nicht von außen. Von innen! Aus der Perspektive von jemandem, der zu viel fühlt, zu viel sieht, zu viel hört und der gleichzeitig weiß, dass dieses Zuviel die andere Person erschöpfen kann. Und der trotzdem nicht aufhören kann, so zu fühlen. Weil es keinen Schalter gibt. Es ist die Art, wie mein Nervensystem die Welt verarbeitet.
Menschen mit ADHS fühlen nicht stärker, weil sie empfindlicher sein wollen. Sie fühlen stärker, weil ihr System die Reize weniger filtert. Jedes Signal kommt ungefiltert an. Jedes Zucken einer Stirn. Jeder Tonfall. Jede Pause in einem Satz. Und das Gehirn tut, was es immer tut: Es macht aus dem, was es empfängt, eine Geschichte. Nur dass die Geschichte fast immer dieselbe ist. Sie heißt: »Du bist zu viel. Du bist der Grund. Du hast es wieder kaputt gemacht.« Das Tragische daran ist nicht, dass es passiert. Das Tragische ist, dass man es weiß. Man weiß, dass man überreagiert. Man weiß, dass der Film im Kopf nicht die Realität ist. Man weiß, dass man fragen sollte statt zu deuten. Man weiß das alles. Und man kann trotzdem nicht aufhören. Weil das Wissen im Kopf sitzt und das Fühlen im ganzen Körper.
»Ist das echt, was ich fühle, oder ist das ADHS?«
Und dann steht man da, zwischen dem Menschen, den man liebt, und dem Sturm, der in einem tobt, und versucht, beides gleichzeitig zu halten. Den Sturm leise zu machen, ohne sich selbst zu verlieren. Dem anderen nicht zur Last zu fallen, ohne sich dafür zu hassen. Und irgendwann – nach Hundert solcher Frühstücke, nach Tausend solcher Filme – entsteht eine Erschöpfung, die nichts mit Müdigkeit zu tun hat. Es ist die Erschöpfung davon, ständig zwischen sich selbst und der Welt übersetzen zu müssen. Ständig zu prüfen: Ist das echt, was ich fühle, oder ist das ADHS? Und nie eine Antwort zu bekommen, weil beides dasselbe ist!
Ich habe lange gedacht, die Lösung wäre, weniger zu fühlen. Ruhiger zu werden. Normaler. Aber die Lösung war nie, weniger zu sein. Die Lösung beginnt – und ich sage bewusst beginnt, weil sie nie fertig ist – in einem einzigen Satz, in der Frage nämlich, die man sich nicht zu stellen traut und die in »Zu Viel« als leise Zeile steht: »War das wirklich so gemeint?«
Fünf Wörter. Und alles, was dazwischenliegt, sind Tausend Filme, die man vorher abspielt, bevor man sie ausspricht. Aber wenn man sie ausspricht – wenn man sie wirklich ausspricht mit allem, was dahintersteht –, dann passiert manchmal etwas, das kein Film zeigen kann. Dann schaut der andere auf und sagt: »Was? Nein! Ich hab doch nur an den Einkauf gedacht …« Und der Sturm legt sich. Nicht weil er geheilt ist. Sondern weil jemand den Raum geöffnet hat, in dem niemand allein sein muss.
Das ist vielleicht das Einzige, was ich mit diesem Text sagen will. Nicht dass ADHS Beziehungen schwer macht. Das weiß jeder, der es lebt. Sondern dass es irgendwo zwischen all dem Zuviel einen Moment gibt, in dem ein Mensch zum anderen sagen kann: »Sieh mich hinter meinem Rauschen!« Und dass dieser Moment reicht. Nicht um alles zu lösen. Aber um dazubleiben.
Lesen Sie auch unser Interview mit Kristian Luge.
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