Unser Gastautor Kristian Luge über sein Leben mit ADHS: »Wenn das Normale ein fremdes Kleid ist«

Kristian Luge: »Es war der Versuch, etwas zu sagen, für das ich keine Alltagssprache hatte.«

»So fühlt sich Anpassung an, wenn man sie lange genug betrieben hat«, sagt Kristian Luge. Er schreibt und macht Musik als »247.blue«. Alle seine Lieder handeln von ADHS – nicht als Diagnose, sondern als Erfahrung. In seiner neuen Gastkolumne, exklusiv im ADHS-Journal, betrachtet er sein Leben mit ADHS aus einer feuilletonistischen Perspektive anhand seiner eigenen Songs: persönlich, tiefgründig und ohne Maske. »Herzfrequenz« ist Teil seines Albums »ADHS I«.

Es gibt einen Moment, den kennen viele Menschen mit ADHS – und fast niemand kann ihn beschreiben. Es ist der Moment, in dem man merkt, dass man sich anzieht. Nicht im wörtlichen Sinn. Sondern dass man eine Haltung anzieht, eine Stimme, ein Verhalten, das nicht das eigene ist, aber funktioniert. Dass man es so lange tut, bis man vergisst, dass man es tut. Bis die Maske so dicht sitzt, dass man darunter das eigene Gesicht nicht mehr spürt.

Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht bewusst. Es war kein Plan. Es war Überleben. Eine Sprache lernen, die andere verstehen, damit sie aufhören, einen seltsam anzusehen. Regeln auswendig lernen, die für andere selbstverständlich sind, damit das Zusammenleben nicht ständig in Reibung endet. Und irgendwann glaubt man selbst, dass diese Version von einem die echte ist. Bis sie nicht mehr hält.

Als ich »Herzfrequenz« schrieb, war es kein Vorsatz. Es war der Versuch, etwas zu sagen, für das ich keine Alltagssprache hatte. Das Lied beginnt mit dem Bild eines fremden Kleids – genäht aus Pflicht und Disziplin. So fühlt sich Anpassung an, wenn man sie lange genug betrieben hat. Es ist nicht Lüge. Es ist auch nicht Schauspiel. Es ist eher so, als hätte man einen Raum betreten und die Tür hinter sich vergessen. Man ist drin, man funktioniert, aber man weiß nicht mehr, wo man eigentlich hinwollte.

»Es ist diese dritte Unsichtbarkeit: dass man für die eigene innere Welt keine Sprache besitzt«

Was mich an ADHS am meisten überrascht hat – und das sage ich als jemand, der seine Diagnose erst mit 47 bekam –, ist nicht die Unruhe oder die Impulsivität. Es ist diese dritte Unsichtbarkeit: dass man für die eigene innere Welt keine Sprache besitzt. Keine klinische, keine erklärende. Eine, die klingt. Die den Zustand nicht beschreibt, sondern ihn hörbar macht.

Viele Menschen mit ADHS kennen diesen Zustand: Du sitzt in einem Raum voller Leute und alles in dir ist gleichzeitig. Die Begeisterung. Die Erschöpfung. Die Überempfindlichkeit. Die Sehnsucht danach, einfach da sein zu dürfen, ohne dass jemand fragt, warum man schon wieder zu laut, zu viel, zu direkt ist. Und gleichzeitig dieses brennende Gefühl, dass genau in dieser Intensität etwas Echtes steckt. Etwas, das nicht weniger werden sollte, sondern endlich einen Raum braucht.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich bei Freunden saß. Alle redeten, lachten, es war ein normaler Abend. Und ich saß mittendrin und merkte: Ich höre das Gespräch am Tisch, und es ist nicht einfach Gerede – ich spüre in jedem Satz, was gemeint ist und was nicht gesagt wird. Gleichzeitig das Klirren in der Küche, und es ist nicht einfach ein Geräusch – es erzählt mir, dass jemand allein dort steht und aufräumt – und ich fühle, dass das etwas bedeutet. Das Summen der Lampe über mir trägt einen eigenen Ton, fast wie eine Stimmung, die nur ich höre. Das Atmen der Person neben mir wird zu etwas Persönlichem, Nahem, als würde ich ihren Zustand mitfühlen, ohne es zu wollen. Jedes einzelne Ding im Raum hat einen Sinn und ich nehme sie alle gleichzeitig wahr. Nicht als Lärm. Als Bedeutung! Alles spricht gleichzeitig und alles meint etwas. Und während alle anderen einfach dasaßen und einen Abend hatten, saß ich in einem Raum, der dreimal so dicht war, dreimal so voll Sinn – und versuchte, nicht daran unterzugehen, dass ich alles verstehe, was um mich herum passiert. Und lächelte. Weil man das halt so macht …

»Eine Tür öffnen, von der man nicht wusste, dass sie existiert. Und dahinter liegt kein fertiger Raum. Nur Stille«

In »Herzfrequenz« gibt es eine Zeile, die für mich alles zusammenfasst: die Idee, das Ohr ans eigene Herz zu legen und dort einen Takt zu finden, der nicht der Takt der anderen ist. Nicht besser, nicht schlechter – nur ein anderer. Und dass dieser Takt nicht das Problem ist, sondern die Lösung. Das klingt vielleicht einfach. Aber für jemanden, der Jahrzehnte damit verbracht hat, sich dem Rhythmus anderer anzupassen, ist dieser Moment alles andere als einfach. Es ist eher so, als würde man zum ersten Mal eine Tür öffnen, von der man nicht wusste, dass sie existiert. Und dahinter liegt kein fertiger Raum. Nur Stille. Und die Möglichkeit, zum ersten Mal selbst zu bestimmen, was hineingehört.

Ich glaube, viele neurodivergente Menschen tragen eine ähnliche Tür in sich. Nicht weil ADHS sie besonders macht. Sondern weil der Druck, sich anzupassen, so stark war, dass sie den Zugang zu sich selbst verloren haben. Und die einzige Sprache, die diesen Zugang wieder öffnet, ist keine erklärende. Es ist eine, die resoniert. Die nicht sagt: So funktioniert dein Gehirn. Sondern: So kann es sich anfühlen, wenn du aufhörst, ein fremdes Kleid zu tragen.

Das ist der Raum, den Musik öffnen kann. Nicht als Therapie. Nicht als Botschaft. Sondern als Frequenz, die man entweder spürt oder nicht. Und wenn man sie spürt, dann braucht es keine Erklärung mehr. Dann ist da nur noch: Wiedererkennen.

Lesen Sie auch unser Interview mit Kristian Luge.


Folgen Sie uns!

Lieber direkt per WhatsApp oder Telegram?

Diesen Beitrag teilen:

Ohne Schere im Kopf: Das ADHS-Journal ist frei von bezahlter Fremdwerbung und nimmt kein Geld von Lobbyisten an. Es finanziert sich ausschließlich durch seine Leserinnen und Leser. So geht unabhängiger, kritischer Journalismus – kostenlos für alle! Das finden Sie gut? Dann seien Sie dabei!