ADHS in Love: Interview mit Paartherapeutin und Fachbuchautorin Hannah Gensch

»ADHS birgt für Partnerschaften Chaospotenzial«, weiß Hannah Gensch (Foto). Die Paartherapeutin bringt damit auf den Punkt, was viele Paare täglich (durch-)leben. In ihrem Ratgeber »ADHS in Love. Wie ADHS Paare herausfordert und was ihnen hilft«, Beltz Verlag, hat sie nun wertvolle Tipps aus ihrem Praxisalltag zusammengetragen. Das ADHS-Journal sprach mit ihr.

ADHS-Journal: Haben Sie als Paartherapeutin den Eindruck – oder gibt es dazu gar belastbare Zahlen –, dass Partnerschaften öfter in die Brüche gehen, wenn ADHS im Spiel ist?

Hannah Gensch: Leider ja. Sowohl aus meiner Praxis in München als auch aus der internationalen Forschung wissen wir, dass die Trennungs- und Scheidungsrate bei Paaren, bei denen mindestens ein Partner von ADHS betroffen ist, signifikant höher liegt als im neurotypischen Durchschnitt. Das liegt aber nicht daran, dass Menschen mit ADHS beziehungsunfähig wären – im Gegenteil! Es liegt meistens an der fehlenden Diagnose und dem damit verbundenen Unverständnis. Wenn beide nicht wissen, dass die ständigen Missverständnisse, das Vergessen von Absprachen oder die emotionalen Ausbrüche neurologische Ursachen haben, interpretieren sie dieses Verhalten fatalerweise als mangelnde Liebe oder Respektlosigkeit. Daran zerbrechen Beziehungen. Ist die Thematik jedoch erkannt und wird gut gemanagt, haben diese Paare genauso gute Chancen auf eine lebenslange, glückliche Liebe wie alle anderen.

Was ist nach Ihrer Erfahrung denn mit ADHS die größte Herausforderung in einer Beziehung?

Es gibt zwei große Stolpersteine: Der erste ist die sogenannte Eltern-Kind-Dynamik. Weil der ADHS-Partner oft mit der exekutiven Funktion – also Planung, Organisation, Haushaltsführung – kämpft, übernimmt der neurotypische Partner unweigerlich das Ruder. Einer managt, erinnert und nörgelt, der andere fühlt sich kontrolliert und gemaßregelt. Die Augenhöhe geht verloren, und damit oft auch die erotische Anziehungskraft.

Die zweite große Herausforderung ist die emotionale Dysregulation, insbesondere die sogenannte Rejection Sensitive Dysphoria, RSD – eine extreme Empfindlichkeit gegenüber auch nur gefühlter Zurückweisung. Normale Alltagskritik kann beim ADHS-Partner tiefe emotionale Schmerzen oder explosive Reaktionen auslösen, was für den Partner wiederum enorm kraftraubend ist.

Ist es ein Vorteil, wenn beide ADHS haben, gleich ob offiziell diagnostiziert oder nur vermutet?

Das ist ein faszinierendes zweischneidiges Schwert! Auf der emotionalen Ebene ist es oft ein riesiger Vorteil. Da begegnen sich zwei Menschen auf derselben Frequenz. Das Verständnis füreinander ist tief, man muss sich für seine Eigenheiten, das Gedankenkreisen oder den plötzlichen Energieschub nicht rechtfertigen. Die Beziehung ist leidenschaftlich und stimulierend.

Der Haken liegt im Alltag. Wenn beide eine Schwäche in der Organisation haben, wer macht dann die Steuererklärung? Wer denkt an die Müllabfuhr oder den Elternabend? Die exekutive Dysfunktion verdoppelt sich quasi. Ohne klare, externe Strukturen kann der Alltag dieser Paare schnell in einem chaotischen Überlebensmodus enden.

Mit welchem ADHS-Typus oder mit welcher »typischen« ADHS-Eigenschaft ist es besonders kompliziert in einer Partnerschaft?

Besonders verletzend für die Partnerschaft ist oft die chronische Unaufmerksamkeit, wenn sie nicht als solche erkannt wird. Wenn der Partner während eines wichtigen Gesprächs aufs Handy schaut oder den Hochzeitstag vergisst, kommt das beim Gegenüber als »Ich bin dir egal« an.

Noch explosiver ist jedoch die ausgeprägte Impulsivität. Dinge werden im Streit unreflektiert und messerscharf ausgesprochen, was tiefe Wunden hinterlassen kann. Auch impulsive Handlungen bei Finanzen oder schnelle, riskante Entscheidungen können das Sicherheitsbedürfnis der Beziehung massiv ins Wanken bringen.

Und wenn unaufmerksam auf hyperaktiv stößt?

Dann prallen zwei ganz unterschiedliche Bewältigungsstrategien und Energielevel aufeinander. Der hyperaktive Part braucht Stimulation, Action, redet vielleicht viel und sucht den Austausch, um sich zu regulieren. Der unaufmerksame Part ist hingegen schnell reizüberflutet, zieht sich zurück, braucht Stille und Pausen. Das kann zu einem klassischen Verfolgungs-Rückzugs-Muster führen. Der eine drängt auf Kontakt, der andere mauert. Hier ist viel Psychoedukation nötig, um zu verstehen, mein Partner zieht sich nicht zurück, weil er mich nicht liebt, sondern weil sein Nervensystem gerade überlastet ist. Wenn sie diesen Tanz beherrschen, können sie sich aber wunderbar ausbalancieren.

Umgekehrt betrachtet: Welche positiven Auswirkungen kann ADHS in einer Liebesbeziehung haben?

Unzählige! ADHSler lieben oft mit einer unglaublichen Intensität. Am Anfang einer Beziehung erleben wir den berühmten Hyperfokus: Der Partner wird zum Zentrum des Universums. Das ist extrem schmeichelhaft und berauschend.

Darüber hinaus bringen Menschen mit ADHS oft eine enorme Spontanität, Begeisterungsfähigkeit und Kreativität in die Beziehung. Langweilig wird es selten! Sie haben einen großartigen Sinn für Humor, können oft fantastisch »out of the box« denken und sind in echten Krisensituationen, wenn das Gehirn endlich genug Dopamin bekommt, paradoxerweise oft die ruhigsten und lösungsorientiertesten Felsen in der Brandung.

In »ADHS in Love« widmen Sie auch der Sexualität ein Kapitel. Was sind hier konkret die Probleme?

Die Sexualität bei ADHS ist so vielfältig wie das Spektrum selbst; aber es gibt typische Muster. Ein großes Thema ist die Ablenkbarkeit im Bett. Gerade wenn die erste Verliebtheit abklingt, schweifen die Gedanken beim Sex ab – zum Einkaufszettel oder dem Fleck an der Decke. Das hat nichts mit mangelnder Anziehung zu tun, sondern mit einem Dopaminabfall!

Ein weiteres Thema ist die Reizoffenheit, die Hypersensibilität: Berührungen, die gestern noch toll waren, sind heute plötzlich unangenehm oder zu intensiv. Auf der anderen Seite gibt es auch das Phänomen, dass Sex als reiner Dopamin-Kick gesucht wird – Hypersexualität –, was zu Druck in der Beziehung führen kann. Wichtig ist hier eine offene, schamfreie Kommunikation über Bedürfnisse und sensorische Grenzen.

ADHS kann sich bekanntlich vererben. Was sollten betroffene Paare daher vor allem beachten, wenn sie Eltern werden?

Das Wichtigste ist: Keine Panik, aber gute Vorbereitung! Die Wahrscheinlichkeit ist tatsächlich hoch, dass das Kind ebenfalls neurodivergent sein wird. Der große Vorteil dieser Paare ist, dass sie wissen, worauf sie achten müssen, und können so ihrem Kind den jahrelangen Leidensweg der Nichtdiagnose ersparen.

Die größte Herausforderung für die Eltern selbst ist der Wegfall ihrer eigenen Bewältigungsstrategien. Kinder fordern Routinen, Pünktlichkeit und Struktur – genau die Dinge, die Eltern mit ADHS selbst am schwersten fallen. Gleichzeitig raubt der Schlafmangel die letzten exekutiven Reserven. Hier gilt es, vorher schon externe Hilfen zu organisieren, Perfektionismus rigoros über Bord zu werfen und sich als Paar immer wieder kleine, reizarme Inseln zur gemeinsamen Regeneration zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!


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