ADHS kann je nach Ausprägung einen Pflegegrad rechtfertigen, was zu nicht unerheblichen finanziellen Entlastungen führt. Doch den erfolgreich zu beantragen, ist gar nicht so einfach. Menschen wie Joachim Hoeffe (Foto) unterstützen Betroffene dabei. Das ADHS-Journal hat mit ihm gesprochen.
ADHS-Journal: Du berätst Eltern von Kindern mit ADHS ehrenamtlich dabei, einen Pflegegrad erfolgreich zu beantragen. Wie kam es dazu?
Joachim Hoeffe: Mein Weg in dieses Thema war sowohl beruflich als auch persönlich vorgezeichnet. Nach meinem Studium der Rehabilitationswissenschaften und einer Pflegeausbildung in der Psychiatrie wurde mir 1999 klar, dass ich selbst von ADHS betroffen bin. Auch privat ist das Thema präsent: Meine Frau ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und wir haben zwei Kinder mit ADHS und Autismus-Spektrum-Störung. Der Impuls für mein Engagement kam dann durch eigene Erfahrungen: Die ersten Gutachten für unsere Kinder waren unbrauchbar. In der Rückschau auf diese fehlerhaften Bescheide entstand mein Label »Pflegegrad und Pannen«.
Wie genau kann ich mir so eine Beratung vorstellen?
Ich begleite Eltern entweder schon vor der Antragstellung oder – leider – erst bei der Begründung eines Widerspruchs. Die Termine biete ich oft »angedockt« an eine Arztpraxis an. Im Erstgespräch klären wir die individuellen Problemstellungen und den Unterstützungsbedarf im Alltag. Ein zentraler Teil ist die Erläuterung des Begutachtungsinstruments. Da dieses ursprünglich für Demenzerkrankungen entwickelt wurde, ist fundiertes Fachwissen nötig, um die spezifischen Funktionsstörungen bei ADHS korrekt zu übertragen. Bis zur Begutachtung bleibe ich per E-Mail erreichbar und biete kurz vorher ein Abschlusstelefonat an, um Sicherheit im Umgang mit dem Medizinischen Dienst zu schaffen.
Wo liegen denn die Hauptschwierigkeiten?
Eine große Hürde ist die Wahrnehmung der Eltern; viele sind schlicht ausgebrannt und realisieren erst in der Beratung, wie viel mehr sie im Vergleich zu anderen leisten. Oft führen institutionelle Fehler in Schulen zu Eskalationen, die dann dem Kind oder den Eltern angelastet werden. Bei den Begutachtungen selbst erleben wir häufig »Pannen«, weil Gutachtende keine Fachkenntnis besitzen oder eine Abwertungshaltung einnehmen nach dem Motto: »Das ist bei Kindern halt so.« Solche Fehlbewertungen sind hochproblematisch, da die Familien auf den wirtschaftlichen Ausgleich angewiesen sind.
Warum ist ein Pflegegrad bei ADHS denn nützlich?
Ein erfolgreicher Antrag sichert Familien essenzielle Ressourcen: Bei Pflegegrad 2 gibt es aktuell 332 Euro Pflegegeld monatlich, bei Pflegegrad 3 sind es 573 Euro. Hinzu kommt ein Entlastungsbudget von jährlich 3.539 Euro. Für die vielen alleinerziehenden Frauen, die ich begleite, ist dies eine existenzielle Entlastung. Zudem sichert die Pflegezeit wertvolle Rentenpunkte, was aktiv gegen Altersarmut wirkt. Neben dem Pflegegeld und dem Entlastungsbudget ist der Pflege-Pauschbetrag bei der Einkommensteuer noch ein wichtiger Faktor. Je nach Pflegegrad können Eltern jährlich zwischen 1.100 und 1.800 Euro ohne Einzelnachweis geltend machen. Zudem erleichtert ein Pflegegrad oft das Verfahren für einen Grad der Behinderung, was weitere steuerliche Vorteile und Vergünstigungen im Alltag freischaltet.
Was sind die häufigsten Probleme und vielleicht Ungerechtigkeiten, mit denen du zu tun hast?
Problematisch sind unprofessionelle »Kontrastfehler« der Begutachtenden und die komplexe mathematische Struktur des Gutachtens. Durch Schwellenwerte in den Modulen werden Belastungen oft systematisch »weggebügelt«. Ich erstelle daher sozusagen ein Gutachten über das Gutachten, um methodische Fehler aufzudecken. Da die Begutachtungsrichtlinien vorgeben, dass eine solche Begründung »besonders gewürdigt werden muss«, entfaltet das eine starke Steuerungswirkung im Widerspruchsverfahren.
Stellen Eltern während der Beratung oft fest, dass sie selbst betroffen sein könnten? Berätst du sie dann direkt mit? Oder ist ein Pflegegrad bei Erwachsenen eher unwahrscheinlich?
Ein Pflegegrad ist auch für Erwachsene möglich, sofern die Einschränkung länger als sechs Monate vorliegt. Viele Eltern haben diese Erkenntnis bereits während der Diagnostik ihrer Kinder. Da Wartelisten für Erwachsene oft jahrelang sind, konzentriere ich mich zwar primär auf die Kinder, stehe aber für Fragen offen. Der Kontakt bleibt dann übrigens oft langfristig bestehen, was zeigt, dass die Beratung über den reinen Antrag hinaus Sicherheit im Umgang mit dem System gibt.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!
Service:
Joachim Hoeffe ist am besten via Instagram und Substrack zu erreichen.
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