Priorisieren mit ADHS: »Niemand sieht die Wände, gegen die du jeden Tag rennst«

Kristian Luge: »Niemand fragt: ›Wie oft hast du dich heute gezwungen, es zu versuchen? Wie oft hast du heute gegen dich selbst gekämpft? Wie oft hast du heute verloren und trotzdem weitergemacht?‹«

»Die Sache mit dem Versuchen ist: Alle sehen das Ergebnis. Aber niemand sieht den Weg«, sagt Kristian Luge. Er macht Musik als »247.blue«. Alle seine Lieder handeln von ADHS – nicht als Diagnose, sondern als Erfahrung. In seiner Gastkolumne, exklusiv im ADHS-Journal, betrachtet er sein Leben mit ADHS aus einer feuilletonistischen Perspektive anhand seiner eigenen Songs: persönlich, tiefgründig und ohne Maske. »Ich Hab’s Versucht« ist Teil seines Albums »ADHS I«.

Du kommst zu spät. Du vergisst den Termin. Du hast die Steuererklärung nicht gemacht, obwohl die Frist seit sechs Wochen abgelaufen ist. Du hast das Geschenk nicht besorgt, obwohl du seit drei Wochen daran denkst. Jeden Tag denkst du daran. Jeden einzelnen Tag. Es steht auf der Liste. Es steht in der App. Es steht in deinem Kopf, ganz oben, blinkend, rot, dringend. Und trotzdem tust du es nicht. Die Welt allerdings sieht nur: »Der hat es nicht gemacht. Der kümmert sich nicht. Dem ist es egal!« Und du stehst daneben und weißt: Ich habe es versucht. Mehr als ihr glaubt! Ich habe es jeden Tag versucht. Ich habe morgens im Bett gelegen und mir vorgenommen: »Heute machst du es!« Ich habe es auf die Liste geschrieben, auf die andere Liste, auf den Zettel am Kühlschrank. Ich habe die App geöffnet und den Alarm gestellt und den zweiten Alarm gestellt. Dann kam elf Uhr und ich habe etwas anderes gemacht, nicht weil es wichtiger war, sondern weil mein Gehirn entschieden hat, dass es interessanter ist. Und gegen diese Entscheidung gibt es kein Einspruchsrecht. Nicht weil ich schwach bin. Sondern weil das System, das bei anderen automatisch priorisiert – wichtig vor unwichtig, dringend vor nicht dringend –, bei mir nicht so funktioniert. Es sortiert nach Reiz. Nach Neuheit. Nach dem, was jetzt gerade Dopamin verspricht. Und die Steuererklärung verspricht eben kein Dopamin. Also muss sie warten. Wieder. Das Schlimmste daran ist nicht das Ergebnis. Das Schlimmste ist der Moment dazwischen. Der Moment, in dem du weißt, was du tun solltest, und spürst, dass du es nicht kannst, und dich fragst, ob du es nicht willst, und dann merkst, dass du den Unterschied zwischen Wollen und Können nicht mehr kennst, weil er in deinem Leben so dünn geworden ist, dass er sich aufgelöst hat.

»Versuch das mal jemandem zu erklären!«

Versuch jemandem zu erklären, dass du den ganzen Tag beschäftigt warst und trotzdem nichts geschafft hast. Dass du drei Projekte angefangen hast und keines beendet, nicht weil du aufgegeben hast, sondern weil dein Gehirn irgendwann umgeschaltet hat, ohne dich zu fragen. Versuch jemandem zu erklären, dass du nicht faul bist, obwohl dein Verhalten aussieht wie Faulheit. Dass du nicht gleichgültig bist, obwohl dein Verhalten aussieht wie Gleichgültigkeit. Dass du kämpfst, jeden Tag, mit etwas, das kein Mensch sieht. Dann sag ihm: »Unsichtbare Wände.« Und schau, wie er reagiert … Kennst du das? Du sitzt abends auf dem Sofa, bist erschöpft, wirklich erschöpft, bis in die Knochen, und jemand fragt: »Was hast du heute gemacht?« Du denkst nach, merkst, dass du nichts vorweisen kannst. Keinen erledigten Punkt auf der Liste. Kein fertiges Ding. Keine Nachricht, die rausging, keinen Anruf, der stattfand, kein Paket, das zur Post gebracht wurde. Aber du weißt, dass du den ganzen Tag gekämpft hast. Dass du aufgestanden bist, obwohl Aufstehen sich angefühlt hat, wie gegen eine Strömung schwimmen. Dass du dich an den Schreibtisch gesetzt und versucht hast, diesen einen Absatz zu schreiben, aber nach zwanzig Minuten gemerkt hast, dass du stattdessen drei Wikipedia-Artikel über etwas gelesen hast, das nichts damit zu tun hat. Dass du aufgestanden bist und Kaffee gemacht, dich wieder hingesetzt und es wieder versucht hast und wieder abgedriftet und wieder aufgestanden bist und irgendwann aufgehört hast zu zählen, wie oft du es versucht hast. Und dann sagst du zögerlich: »Nicht so viel.« Weil es keine Sprache gibt für den Aufwand, der hinter »nicht so viel« steckt. Weil die Welt in Ergebnissen rechnet. Weil niemand fragt: »Wie oft hast du dich heute gezwungen, es zu versuchen? Wie oft hast du heute gegen dich selbst gekämpft? Wie oft hast du heute verloren und trotzdem weitergemacht?«

»Bis das Wollen selbst zur Erschöpfung wird!«

»Ich hab’s versucht« ist vielleicht der ehrlichste Satz, den ein Mensch mit ADHS sagen kann. Kein Triumph. Kein Scheitern. Sondern etwas dazwischen. Die Wahrheit von jemandem, der weiß, dass sein Wille nicht das Problem ist und der trotzdem jeden Abend mit dem Gefühl einschläft, nicht genug gewesen zu sein. Ich kenne dieses Gefühl. Es hat mich jahrelang begleitet, bevor ich wusste, dass es einen Namen hat. Ich dachte, ich sei faul. Ich dachte, mir fehle Disziplin. Ich dachte, die anderen könnten das alles, weil sie besser seien als ich: stärker, fokussierter, erwachsener. Ich dachte, wenn ich es nur genug wolle, dann würde es irgendwann klappen. Also wollte ich mehr. Und mehr. Und noch mehr. Bis das Wollen selbst zur Erschöpfung wurde. Was niemand dir sagt: Das Versuchen hört nie auf. Nicht weil man es will. Sondern weil man nicht anders kann. Menschen mit ADHS stehen jeden Morgen auf und rennen gegen dieselben Wände, die gestern schon da waren. Sie rennen nicht, weil sie nicht wissen, dass die Wände da sind. Sie rennen, weil sie hoffen, dass heute vielleicht der Tag ist, an dem eine Lücke da ist. Eine Stelle, an der man durchkommt. Und manchmal kommt man durch. Dann ist es großartig, dann ist es dieser Hyperfokus-Moment, in dem man in drei Stunden das schafft, was andere in einer Woche machen, und man denkt: Es geht doch! Und die Welt sagt: »Siehst du? Du kannst es doch!« Doch damit macht sie den Kampf unsichtbar. Weil der eine Tag, an dem es klappt, zum Beweis wird, dass die anderen Tage nicht zählen. Aber sie zählen. Jeder einzelne. Jeder Tag, an dem du aufgestanden bist, es versucht hast und abends nichts vorweisen konntest. Jeder Tag zählt! Nicht als Leistung. Sondern als Beweis dafür, dass du da bist. Dass du nicht aufgegeben hast. Dass du es versuchst, immer noch, obwohl dir niemand sagt, dass das genug ist. Es ist genug, dass du es immer wieder versuchst. Nicht weil der Kampf aufhört. Sondern weil er zählt. Auch ohne Ergebnis. Auch ohne Beweis. Auch wenn die Welt ihn nicht sieht.

Lesen Sie auch unser Interview mit Kristian Luge.


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