Dr. Ana Bastos (Foto) ist seit Mai 2024 Professorin für Land-Atmosphären-Interaktionen an der Universität Leipzig. Dass sie es einmal so weit bringen würde, war keineswegs absehbar. Denn schon als Kind litt die Portugiesin unter Reizüberflutung, Schlafstörungen, Prüfungsangst und Depressionen, war hypersensibel und musste sogar ein Schuljahr wiederholen. Niemand brachte das damals mit ADHS in Verbindung. Ihre Diagnose erhielt sie erst mit Mitte 30. Das ADHS-Journal sprach mit ihr.
ADHS-Journal: ADHS wird auf der einen Seite vielfach mit Versagen, verpassten Chancen und Problemen im Beruf assoziiert. Umgekehrt glauben manche wiederum, ADHS verleihe geradezu Superkräfte, wenn Hyperfokus und Kreativität nur »richtig« eingesetzt werden. Wie sehen Sie das?
Prof. Dr. Ana Bastos: Ich finde den öffentlichen Diskurs über ADHS zu schwarz-weiß. Einerseits gibt es immer noch eine Menge Vorurteile und Missverständnisse darüber, was es bedeutet, ADHSler oder generell neurodivergent zu sein. Arbeitsplätze sind oft nicht besonders inklusiv und im schlimmsten Fall kann die Offenlegung der ADHS-Diagnose den eigenen Arbeitsplatz sogar gefährden. Andererseits verklären einige Gruppen ADHS, indem sie ausschließlich die positiven Seiten hervorheben und den Wert einer Person oft auf ihre Leistung reduzieren. Ich halte beide Perspektiven für unzureichend. Die Fokussierung auf »Erfolgsgeschichten« blendet oft die täglichen Schwierigkeiten vieler Menschen aus und kann dazu führen, dass es an angemessener Förderung und integrativen Strukturen mangelt. Wir müssen anfangen, mehr auf die realen Erfahrungen und Bedürfnisse jedes Einzelnen zu hören – die auch sehr unterschiedlich sind – und unsere Arbeits- und Lernumfelder im Hinblick auf echte Inklusion neu gestalten.
Sie haben Ihre Diagnose erst vor wenigen Jahren erhalten, also als Erwachsene. Was war da Ihr erster Gedanke?
Freude und Erleichterung! Es half mir zu verstehen, dass ich nicht »kaputt« war, sondern dass ich einfach zu lange versucht hatte, auf eine Weise zu funktionieren, die meinem Wesen widersprach. Danach auch ein bisschen Wut und Trauer: wegen all dem, was anders hätte sein können …
Ihre Neurodivergenz ist sehr lange nicht erkannt worden und ihre Symptome wurden fehlgedeutet, sodass eine Behandlung kaum anschlagen konnte, nehme ich an. Wie sind Sie damit umgegangen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich wurde mehrmals wegen sogenannter Komorbidität behandelt: Depression, Angststörung, Schlaflosigkeit, Burnout. Seit meiner ersten Erfahrung mit Depressionen im Alter von 16 Jahren habe ich gelernt, wie wichtig es ist, um Hilfe zu bitten und medizinische Unterstützung zu suchen, sobald es einem nicht gut geht. Außerdem habe ich gelernt, dass es in Ordnung ist zu scheitern, solange wir versuchen, danach unseren Weg zu finden. Ich fand zum Beispiel den Wechsel von der Schule zur Universität problematisch, sodass ich nach zwei Jahren beschloss, das Studienfach zu wechseln und mich einem Thema zuzuwenden, das ich damals motivierender fand. Das war die beste Entscheidung! Denn ich fand ein völlig anderes Studienumfeld vor, in dem viele meiner Eigenschaften –Impulsivität, hohe Energie, Neugierde, starker Gerechtigkeitssinn – positiv gesehen wurden. In solch einem Umfeld konnte ich mich voll entwickeln und hatte jahrelang keine psychischen Probleme.
Doch leider erfordert die wissenschaftliche Karriere viel Mobilität, was für mich ein Stressfaktor ist. Ständiges Umziehen bedeutete auch, dass ich nicht immer eine angemessene psychologische Beratung finden konnte. In diesen Fällen habe ich versucht, das anzuwenden, was ich aus früheren Therapieerfahrungen gelernt hatte: zum Beispiel meinen Arbeitsaufwand und meine Routinen anzupassen, Grenzen zu setzen und das spezifische Bedürfnisse zu kommunizieren. Außerdem helfen mir mein Engagement für physische Gesundheit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Wissenschaft dabei, einen Sinn in meinen inneren Konflikten zu finden.
Würden Sie also sagen, dass die sogenannte Störung Sie auf Ihrem Lebensweg behindert hat?
Absolut! Fast permanente Angststörungen und Schlafprobleme und das ständige Auf und Ab eines Burnouts alle paar Jahre haben mich natürlich in mehreren Bereichen meines Lebens beeinträchtigt. Ich bin ein Jahr in der Schule wegen schwerer Depressionen ausgefallen und erkenne jetzt, wie das mit meiner Neurodivergenz zusammenhängt. Außerdem gab es oft Situationen, in denen ich von Vorgesetzten ermahnt wurde, etwa weil ich während eines Arbeitstreffens irgendetwas gekritzelt habe. Das hätte ich natürlich leicht erklären können, wenn ich eine Diagnose gehabt hätte. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass ich das Glück und teilweise das Privileg hatte, von meiner Familie, meinen Freunden und meinem Partner unterstützt zu werden, was ja nicht selbstverständlich ist.
Was wäre im Rückblick alles anders – besser oder schlechter – verlaufen, wenn Sie schon als Kind richtig behandelt worden wären, also zum Beispiel die entsprechenden Medikamente bekommen hätten?
Hätte ich von meiner Diagnose früher gewusst, hätten meine schweren Depression und mein Suizidversuch als Teenager wahrscheinlich verhindert werden können.
Sie gehen sehr offen mit ADHS um. Das ist alles andere als selbstverständlich. Hatten Sie nie Angst vor Stigmatisierung?
Während meiner ersten Depression erfuhr ich eine starke Stigmatisierung – durch mich selbst und durch andere. Ich kannte niemanden in meinem Alter, der zu dieser Zeit ähnliche Probleme hatte. Als ich dann aber plötzlich nicht mehr zur Schule ging, meldeten sich einige Lehrerinnen bei mir und sprachen mit mir über ihre eigenen Erfahrungen mit Depressionen und wie sie damit umgegangen waren. Es war unglaublich ermutigend zu erfahren, dass Menschen, die ich sehr schätzte, ähnliche Probleme überwinden konnten.
Nach meiner Genesung sprach ich offen über meine frühere Depression, sodass sich im Laufe der Jahre immer wieder Freunde und Kommilitonen an mich wandten, wenn sie psychische Probleme hatten. Zu wissen, dass ich zumindest einigen von ihnen helfen konnte, Unterstützung zu finden, war sehr ermutigend. Mir wurde klar, wie mächtig Offenheit, wenn auch in begrenztem Umfang, sein kann. Für eine volle Offenlegung meiner Diagnose, bevor ich eine Führungsposition erreicht hatte, war ich allerdings nicht mutig genug. Die akademische Welt ist zu kompetitiv. Und Verletzlichkeit zu zeigen, wird leider nicht als Erfolgsfaktor angesehen.
Schon kurz nach Ihrer Diagnose haben Sie an Ihrer Uni eine Selbsthilfegruppe gegründet. Wie kam das an?
Nach meiner Diagnose war es unmöglich, eine Therapie zu finden, obwohl ich es mehrmals versucht hatte. Das ist leider ein bekanntes Problem für viele in Deutschland. Und Therapeuten, die sich auf ADHS und andere Neurodivergenzen spezialisiert haben, sind noch schwerer zu finden. Also habe ich angefangen, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, und fand es sehr hilfreich, mich mit anderen ADHSlern über Eindrücke, Probleme, Tipps und so weiter auszutauschen. Allein schon die Erfahrung, so viele Menschen zu treffen, die mir ähnlicher waren als die meisten anderen, war besonders wertvoll. Die Diskussionen fließen einfach in einem Tempo, das sich viel natürlicher anfühlt als in anderen Umfeldern. (lächelt)
Selbsthilfegruppen ersetzen zwar keine Therapie und medizinische Unterstützung; aber sie bieten einen sicheren Raum, um Hilfe zu finden und von anderen Betroffenen zu lernen. Zum Beispiel hörte ich in eine Selbsthilfegruppe zum ersten Mal von der häufigen Kombination von Autismus und ADHS. Und seit Kurzem weiß ich, dass ich dazugehöre.
Unterscheidet sich eine Selbsthilfegruppe in einem universitären Umfeld denn irgendwie von einer »normalen«? Sprich: Gehen Studierende und Lehrende anders mit ADHS um?
Die Herausforderungen, mit denen jeder Mensch konfrontiert ist, sind sehr unterschiedlich und hängen stark vom jeweiligen Kontext ab, zum Beispiel dem Arbeits- oder Studienumfeld. Daher werden Menschen, die an einer Universität arbeiten, also in Forschung, Lehre oder Verwaltung, zwangsläufig mit besonderen Problemen konfrontiert und haben im Vergleich zu anderen Gruppen besondere Bedürfnisse. Das Ziel einer solchen Selbsthilfegruppe ist es, die Möglichkeit zu bieten, mit Kollegen, die sich in einem ähnlichen Umfeld befinden, zu diskutieren und von ihnen zu lernen. Dabei sind die Herausforderungen, mit denen Lehrkräfte konfrontiert sind, nicht unbedingt dieselben wie die von Lernenden. Während Studierende über Strategien für ihre Aufmerksamkeit während des Unterrichts verfügen können, beispielsweise Kritzeln, muss eine Lehrkraft in der Lage sein, während dieser Zeit ihre volle Aufmerksamkeit auf die Klasse zu richten.
Würden Sie sagen, dass sich die Einstellung zu ADHS an Ihrer Hochschule durch Ihr Engagement verändert hat?
Es ist noch zu früh, das zu sagen. Bei meinem Start an der Universität Leipzig im Mai 2024 habe ich mich dazu entschieden, meine ADHS offenzulegen. Seitdem haben mich einige Kollegen gefragt, wie sie Mitarbeitende, von denen sie annehmen, dass sie neurodivergent sein könnten, am besten unterstützen können. Ich lege es auch zu Beginn des Semesters vor jeder Klasse offen, damit sich neurodivergente Studierende wohler dabei fühlen, wenn sie Unterstützung suchen – aber auch, damit die Studierenden einige meiner spezifischen Bedürfnisse verstehen. Ich lasse mich zum Beispiel leicht durch Geräusche im Hörsaal ablenken und ich finde es hilfreich, wenn die Studierenden mich daran erinnern, in der Mitte einer 90-minütigen Vorlesung eine kurze Pause einzulegen. Die Studierenden wiederum haben angefangen, sich bei mir zu melden und um Unterstützung zu bitten, sogar einige aus anderen Studienfächern. Im Moment versuche ich noch herauszufinden, wie ich mit ihnen zusammenarbeiten kann, um positive Veränderungen auf Klassen-, Fakultäts- oder sogar Universitätsebene zu fördern.
Haben Sie den Eindruck, dass sich jetzt mehr Studierende »trauen«, sich zu »outen« – und auch Nachteilsausgleiche einfordern?
Nicht unbedingt! Ja, einige Studierenden beantragen einen Nachteilsausgleich. Allerdings wissen viele auch nicht, welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen, etwa dass man keine formale Diagnose braucht, um bestimmte Maßnahmen zu beantragen. Über den Nachteilsausgleich hinaus denke ich, dass sich viele einfach nicht sicher genug fühlen, um offen mit Lehrkräften oder Kolleginnen und Kollegen über ihre Neurodivergenz zu sprechen. Das kann ich zu 100 Prozent verstehen, da es leider immer noch so viele Vorurteile und fehlendes Verständnis gibt.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Prof. Dr. Bastos, und weiterhin viel Erfolg!




