
Mit ADHS sei es ein bisschen wie beim Segeln: »Der krumme Weg ist der einzige, der zum Ziel führt«, sagt Kristian Luge. Er macht Musik als »247.blue«. Alle seine Lieder handeln von ADHS – nicht als Diagnose, sondern als Erfahrung. In seiner Gastkolumne, exklusiv im ADHS-Journal, betrachtet er sein Leben mit ADHS aus einer feuilletonistischen Perspektive anhand seiner eigenen Songs: persönlich, tiefgründig und ohne Maske.
Stell dir einen Hafen vor, früh am Morgen. Zwei Boote wollen hinaus aufs offene Wasser, dasselbe Ziel, dieselbe See. Auf dem einen dreht jemand den Schlüssel, der Motor springt an, es legt ab und fährt in gerader Linie hinaus – pünktlich, verlässlich, gleichmäßig. Das andere liegt still. Es wartet. Es hat keinen Motor … es hat Segel. Und der, der am Steg steht und zusieht, weiß sofort, welches der beiden tüchtig ist und welches faul. Das glaubt er jedenfalls: Ich habe die halbe Lebensfahrt lang geglaubt, ich sei ein Motorboot, das einfach nicht anspringt.
Das Motorleben ist ein gutes Leben und ich will es nicht kleinreden: Schlüssel drehen, Gas geben, losfahren, wann man will. Eine gerade Linie ziehen, weil die gerade Linie der kürzeste Weg ist. Ankommen, wann man es versprochen hat. Das Wetter ist dem Motor fast gleich; er bewegt dich durch Flaute wie durch Brise, immer mit derselben Kraft. Die ganze Welt ist für diese Art gebaut: Uhren, Pläne, Termine, Listen. Es ist eine echte Kunst und die meisten Menschen beherrschen sie so selbstverständlich, dass sie sie für gar keine Kunst halten, sondern für das Leben selbst.
Und dann ist da das andere Boot. Es kann nicht einfach losfahren. Es hat keinen Gashebel, an dem man Kraft herbeiruft. Es hat Segel und Segel brauchen Wind. Solange keiner weht, liegt es still. Für das Motorleben sieht dieses Stillliegen aus wie Zögern, wie Antriebslosigkeit, wie »der fängt einfach nicht an«. Aber das Boot ist nicht faul. Sondern es wartet auf etwas, das es nicht erzwingen kann.
»Die Lust geplant, Begeisterung in den Kalender geschrieben«
Wind lässt sich nicht befehlen. Ich habe es jahrelang versucht: Ich habe mir Wind auf die Segel gemalt. Ich habe die Lust geplant, die Begeisterung in den Kalender geschrieben, mir vorgenommen, um zwei Uhr Feuer zu fangen. Es hat nie funktioniert! Gemalter Wind füllt kein Segel. Nur der echte hat Kraft, der, der wirklich kommt, woher auch immer. Was kommt, ist wahr, und nur das Wahre bewegt etwas. Das Geplante bleibt Farbe auf Leinwand.
Was also tut ein Segler? Er erzwingt nichts. Er riggt sich auf und wartet – aber wach, die Hand an der Schot, das Auge am Wasser. Und hier liegt die Arbeit, die niemand sieht: In dem Augenblick, in dem die Böe kommt, setzt er die Segel und nimmt ihre Kraft auf, bevor sie wieder weg ist. Das ist kein Nichtstun. Das ist gespannte Bereitschaft. Der Segler ist nicht träge. Er ist auf Wind eingestellt.
Und dann kommt er. Erst nur ein Kräuseln auf dem Wasser, ein Zug in der Luft und plötzlich greift es. Das Tuch, eben noch schlaff, wölbt sich, die Schot wird hart in der Hand, das Boot legt sich auf die Seite und schießt nach vorn. Du spürst es im ganzen Körper: eine Kraft, die nicht deine ist. Sie kommt von außen, sie ist größer als du und sie nimmt dich mit. Das ist der Augenblick, in dem ein Segler wieder lebendig wird: wenn der Wind einsetzt, ins Segel drückt und schiebt mit dieser unbändigen, ungebremsten Wucht. Begeisterung heißt für mich nichts anderes. Sie ist kein Entschluss, sie ist ein Ergriffenwerden. Und genau das kennt kein Motorschiffer: Seine Kraft ist verlässlich, dosierbar, immer gleich. Aber sie packt ihn nie, sie wirft ihn nie nach vorn.
»Für diesen Moment, in dem der Wind kommt und uns trägt, leben wir«
Und das Schwere, das getan werden muss und doch von selbst nichts bewegt – die windstille Fracht, die jeder von uns an Bord hat? Der Segler schiebt sie nicht mit Gewalt voran; er hat ja keinen Motor dafür. Er wartet auf Wind an etwas, das er liebt, und lässt das fahrende Schiff die stille Fracht mittragen. Der Hafen, den er erreichen muss, kommt näher, weil ein Wind wehte, der für etwas ganz anderes kam. Nicht durch Zwang. Durch Sog!
Darum hält ein Segler auch viele Küsten offen. Was die Welt »verzettelt« nennt, »zu viele Interessen«, »nichts richtig zu Ende« – das ist in Wahrheit seine Lebensversicherung. Wer nur ein Segel kennt, liegt still, sobald dieser eine Wind nicht weht. Wer viele Küsten hat, an denen Wind wehen kann, der findet fast immer irgendwo eine Brise. Sich für vieles zu interessieren, ist keine Zerstreuung. Es ist das Anlegen von Gelegenheiten, überhaupt voranzukommen.
Und er fährt nie gerade. Er kreuzt, schlägt nach links, schlägt nach rechts, scheint immer wieder in die falsche Richtung zu halten. Vom Motorboot aus sieht das aus wie ein einziger Umweg. Aber gegen den Wind gibt es keine gerade Linie. Der krumme Weg ist der einzige, der zum Ziel führt. Der Segler steht fest im Wohin und bleibt frei im Wie. Seine Route plant er nicht vorher, er findet sie im Fahren, Schlag um Schlag, aus dem Wind, der gerade da ist. So wie das Leben selbst: In der Bewegung kommt es, und in der Bewegung kriegt man es hin.
»Du bist ein Segelschiff mit einem Motorboot-Handbuch in der Hand«
Jetzt versteht man, warum die guten Ratschläge abgleiten wie Regen am gespannten Tuch. »Fang einfach an« heißt übersetzt »Gib Gas!«. Es ist aber kein Gashebel da! »Mach einen Plan und halt dich dran« heißt: »Fahr deinen Kurs ab, der Wind ehrt keinen Kurs.« Und »Lass dich nicht ablenken« heißt schlichtweg: »Ignorier die Bedingungen!« Dabei ist das Lesen der Bedingungen die ganze Seemannschaft. Man verlangt also von einem Segler, sich einen Motor wachsen zu lassen. Keiner dieser Ratschläge ist natürlich grundsätzlich falsch. Sie sind halt nur in einer Sprache geschrieben, die für ein Schiff mit Motor gilt! Man kann »Gashebel« nicht in eine Welt übersetzen, in der es keinen Motor gibt. Und der Segler, dem man dieses Handbuch ein Leben lang reicht, zieht den einzig möglichen Schluss: »Ich bin ein kaputtes Motorboot.« Jahrzehnte voller Scham wegen einer Maschine, die er nie hatte. Dabei ist die Wahrheit viel leiser und viel größer: An dir ist nichts kaputt. Du bist ein Segelschiff mit einem Motorboot-Handbuch in der Hand.
Hier, glaube ich, fängt etwas Größeres an. Wenn das stimmt, dann braucht jede Art ihre eigene Sprache zurück. Die Motorenwelt soll ihre behalten; sie ist gut und wahr und richtig – für sie. Sie war nur nie das Gesetz des Wassers, sie war immer schon die Sprache eines Bootstyps, der sich für selbstverständlich hielt. Gibt man sie ihr ehrlich in die Hand als das, was sie ist, wird sie nicht kleiner. Sie wird nur wieder eine von zweien. Und wir Segler müssen aufhören, uns ihre Sprache zu leihen und an ihr zu scheitern. Wir müssen unsere eigene finden: in Wind und Wende und Küste, in Bereitschaft statt Befehl, in Sog statt Schub. Erst in der eigenen Sprache lösen sich die eigenen Probleme – nicht, weil man besser wird im Motorfahren, sondern weil man endlich aufhört, es zu versuchen.
»Nicht für das Warten auf Wind entschuldigen!«
Das Motorboot wird nie segeln, das Segelschiff wird nie einen Motor haben. Aber sie können einander erkennen. Der Motormensch kann aufhören, dem Windstillen einen Gashebel anzubieten. Der Segler kann aufhören, sich für das Warten auf Wind zu entschuldigen. Beide können lernen, dass der andere es nicht falsch macht – nur anders. Das ist Artenverständigung: nicht Gleichmacherei, sondern der Moment, in dem zwei verschiedene Leben sich gegenseitig als wahr anerkennen. Denn wir sind alle auf demselben Wasser. Das Wasser des Lebens hält den Motor und das Segel, den Geraden und den Kreuzenden, den, der pünktlich und schnurstracks ankommt, und den, der spät einläuft, quer, voll Wind und mit Geschichten von der offenen See. Wir sind nicht zwei Irrtümer voneinander. Wir sind zwei Arten, die dieselbe Tiefe befahren.
Lesen Sie auch unser Interview mit Kristian Luge.

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