Die ideale Fremdsprache bei ADHS: Toki Pona

Die vermutlich einfachste Sprache der Welt umfasst weniger als 150 Wörter und eine Grammatik, die innerhalb weniger Stunden verinnerlicht ist. Toki Pona (»gute Sprache«) erfreut sich deshalb weltweit immer größerer Beliebtheit. Bei keiner anderen Fremdsprache ist die Lernkurve so steil. Fast sofortige Erfolgserlebnisse sind die Folge. Das motiviert natürlich ungemein.

Zum Vergleich: Der komplette Wortschatz einer »normalen« Sprache umfasst Hunderttausende, manchmal sogar mehr als eine Million Wörter. Auf muttersprachlichem Niveau werden davon 50.000 auf Anhieb verstanden und durchschnittlich 15.000 verwendet. Eine Fremdsprache also wirklich beherrschen zu wollen, ist somit stets eine jahrelange Herausforderung. Rund 3.000 Vokabeln braucht es mindestens, um sich relativ problemlos in einer anderen Sprache unterhalten zu können. Ja, mit plus/minus 1000 Begriffen und ganz ohne vertrackte, hochkomplexe Grammatikregeln geht es natürlich auch. Dann ist allerdings höchstens eine wirklich rudimentäre Verständigung möglich. Selbst bei Esperanto, der wohl bekanntesten Kunstsprache, sind 500 Wörter das absolute Minimum. Gerade Menschen mit ADHS scheitern daher regelmäßig an Englisch, Französisch, Spanisch und Co., weil ihr Gehirn vereinfacht gesagt schnelle Erfolge braucht und sich sonst langweilt.

Was ist das Besondere an Toki Pona?

Die kanadische Linguistin Sonja Lang entwickelte Toki Pona Anfang der 2000er. Ihr Ziel war es, nicht nur eine wirklich einfache Sprache zu entwickeln, sondern einen Ansatz, mit dem sie ihre eigenen Gedanken besser ordnen konnte. Toki Pona wurde deshalb zu einer ziemlich unorthodoxen, außergewöhnlichen Fremdsprache. Denn sie ist gleichzeitig ein philosophisches Konstrukt oder plakativ ausgedrückt: »Yoga fürs Gehirn«. Zwar ist die Sprache so aufgebaut, dass der äußerst begrenzte Wortschatz tatsächlich ausreicht für Gespräche aller Art. Aber vieles muss eben umschrieben werden und ist nur aus dem Kontext heraus zu verstehen, weil es kein explizites Wort dafür gibt. Eine Banane zum Beispiel ist eine kili jelo, also eine gelbe Frucht, oder halt eine kili sama palisa: eine Frucht wie ein Stab. Alkohol gibt es als Begriff ebenfalls nicht. Er wird meist als telo nasa umschrieben, als »verrücktes Wasser«. Passt doch! lawa pakala heißt übersetzt beschädigter/kaputter Kopf und lawa pilin ike »Der Kopf fühlt sich schlecht an«. Beides steht somit je nach Zusammenhang schlicht und ergreifend für Kopfschmerzen. Sogar über Einsteins Relativitätstheorie könnte man sich auf Toki Pona unterhalten: mit Formulierungen wie sona pi ante tenpo, also dem »Wissen über veränderliche Zeit«, oder sona pi pilin tawa mun li ante – der »Erkenntnis, dass sich die Bewegung zu den Himmelskörpern verändert«. Das klingt kompliziert; aber mit ein bisschen Übung ist es das gar nicht, sondern macht Spaß und führt schnell zu Erfolgserlebnissen – perfekt für Menschen mit ADHS!

Was bringt Toki Pona bei ADHS?

Eine Woche, höchstens ein Monat reicht, um sich in Toki Pona verständigen zu können. Tausende beherrschen die Plansprache inzwischen. Große Teile von »Hamlet« und sogar der Bibel sind inzwischen übersetzt. Viele nutzen die ungewöhnliche Sprache unbewusst therapeutisch, indem sie damit ihre Gedanken und Gefühle reflektiert zu Papier zu bringen. Denn ohne sich erst intensiv mit dem auseinanderzusetzen, was man sagen oder aufschreiben will, funktioniert es ja nicht. Mit »Sitelen Pona« gibt es sogar ein eigenes Schriftsystem, also jeweils ein Symbol für ein komplettes Wort. Das zu lernen, ist ebenfalls spannend, insbesondere für Menschen mit ADHS. Denn bei weniger als 150 Vokabeln geht das vergleichsweise schnell und führt am Ende zu einem ganz besonderen Erfolgserlebnis: Faktisch verfügt man nun über eine doppelt codierte Geheimsprache. Manche, die die Sprache sprechen, sind bereits komplett darauf umgestiegen.