
ADHS macht kreativ. Kristian Luge beweist das eindrucksvoll: Er macht Musik – ADHS-Musik! Drei Alben hat er inzwischen als »247.blue« veröffentlicht. Und auf allen geht es um »nur« ein Thema: ADHS. Das ADHS-Journal hat mit ihm gesprochen.
ADHS-Journal: Kristian, in deinen Songs verarbeitest du all das, was deine ADHS mit dir macht. Sie füllen inzwischen drei Alben, ein viertes ist in Arbeit. Wie kam es dazu?
Kristian Luge: Vor zwei Jahren wurde ich mit 47 Jahren völlig unerwartet mit ADHS diagnostiziert. Zufällig. Ich hätte diese Diagnose von allein nie gefunden. Was dann passierte, war keine Erkenntnis im Kopf; es war etwas Körperliches – fast erlösend. Ich habe geweint, weil plötzlich so vieles in meinem Leben eine Erklärung hatte. Danach ging ich die klassischen Wege: lesen, verstehen, einordnen. Das half anfangs. Aber mit der Zeit merkte ich, dass diese Wege nicht wirklich zu mir passten. Mir wurde klar, dass ich für meine Innenwelt eigentlich keine Sprache besitze – keine, die mir meinen wahrgenommenen Zustand einfach und präzise beschreibt. Und dann spürte ich etwas, das schon länger in mir war, ohne dass ich es je getan hatte: den Wunsch, einen unmittelbaren inneren Zustand auf mehreren Ebenen gleichzeitig auszudrücken – in verdichtetem Text, in Rhythmus, in Klang – so, dass er wirklich stimmig ist. Daraus wurde »247.blue«.
Hast du vorher bereits Musik gemacht und dich dann sozusagen auf ADHS-Lieder spezialisiert? Oder kamst du quasi durch deine ADHS erst zur Musik?
Ich habe schon immer Musik gemacht, verschiedene Instrumente gelernt. Musik war immer mein Innerstes. Aber ich habe dem nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Es war einfach da, wie ein Teil von mir, der mitschwang, ohne dass ich ihn ernst nahm. Dann hat die Liebe mich neu dazu inspiriert. Und mit der Diagnose kam etwas Weiteres dazu: die Dringlichkeit, eine eigene Sprache zu finden: keine klinische, keine erklärende – sondern eine klingende. Also nein – ADHS hat mich nicht zur Musik gebracht. Aber ADHS hat mir gezeigt, warum ich Musik brauche.

Was hat es mit dir gemacht, als dein erster Song fertig war? Und was hast du empfunden, als er zum ersten Mal gestreamt wurde?
Als der erste Song fertig war, war es vor allem: Erkennen. Wiederfinden. Als würde etwas, das lange in mir war, zum ersten Mal einen Körper bekommen. Es war keine Euphorie; es war Stimmigkeit! Und als er dann zum ersten Mal gestreamt wurde: Ungläubigkeit. Staunen. Da ist etwas, das in deiner tiefsten Innenwelt entstanden ist – und jetzt hört es jemand, den du nicht kennst, irgendwo auf der Welt. Das ist ein sehr stiller, aber sehr großer Moment.
Ist es eher Therapie für dich selbst oder hast du eine Botschaft für Menschen mit – und auch ohne – ADHS?
Es ist weder Therapie noch Botschaft. Es ist der Versuch, Raum und Sprache zu geben. Was in diesem Raum geschieht, gehört jedem persönlich. Aber eine eigene Sprache bringt einen sehr weit. Und ADHS leidet an drei Unsichtbarkeiten:
- Man sieht es nicht.
- Man hat keine Sprache dafür, keine Übersetzung.
- Und man maskiert – oft bis zur Unkenntlichkeit, fast sich selbst gegenüber.
Wenn diese Musik etwas tut, dann hoffentlich das: einen Raum öffnen, in dem nichts übersetzt werden muss.
Was unterscheidet deine Musik von anderer, nennen wir es mal neurotypischer Musik? Ist sie deiner Meinung nach vielleicht sogar ein neues Genre?
Der Unterschied liegt nicht im Stil, sondern in der Haltung! Die meiste Musik will etwas von dir: Sie will dich mitnehmen, berühren, bewegen, verändern. Auch gut gemeinte Musik bleibt dann ein Eingriff – sanft vielleicht, aber gerichtet. Die Musik von »247.blue« will nichts von dir. Das ist keine Bescheidenheit und kein ästhetisches Konzept. Es ist die direkte Konsequenz aus dem, was ich als Hörer selbst brauche: Raum, der mich nicht reguliert, sondern trägt. Raum, der nicht sagt, was ich fühlen soll – sondern der erlaubt, was schon da ist.
Ein neues Genre? Vom Gefühl her: ja, aber im Resonanzsinne – nicht im stilistischen. Es geht nicht um einen neuen Sound. Es geht um eine andere Art der Beziehung zwischen Musik und Mensch.
Wie reagierte dein Umfeld auf dein künstlerisches Engagement und vor allem darauf, dass du so offen mit deiner sogenannten Störung umgehst, was ja nicht selbstverständlich ist?
Herausfordernd! Weil ich innerlich oft völlig anders bin, als mein Umfeld denkt. Das ist ja genau die dritte Unsichtbarkeit: die Maskierung. Wenn du dann plötzlich sagst, »Das hier bin ich wirklich und hier ist die Musik, die da rauskommt!«, dann ist das für andere manchmal schwer einzuordnen. Ich bin teils sehr offen damit. Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß. Aber für mich war es irgendwann keine Frage mehr des Mutes, sondern der Stimmigkeit. Wer eine Sprache gefunden hat, will sie auch sprechen.
Und du selbst? Spürst du eine Wirkung, eine grundlegende Veränderung? Sprich: Lassen deine negativen Symptome nach, seit du oder weil du deiner Kreativität freien Lauf lässt?
Ja, auf alle Fälle! Und man hört es auch in den Alben: Album eins war so etwas wie ein Ankommen, ein Ventil. Da musste etwas raus, zum ersten Mal. Die Alben zwei und drei sind Bewegungen: Da gehe ich einzelne Aspekte durch, bewege mich durch innere Landschaften, die langsam klarer werden. Und Album vier, an dem ich gerade arbeite – da traue ich mich in Räume hinein, die ich sonst nicht betreten habe.
Das äußert sich auch in der Musik. Da werden ganz zarte Lieder sein – Lieder, die ich meinem inneren Jungen geschrieben habe, Lieder, die ich mir gewünscht hätte, als ich klein war. Und daneben ganz extreme Songs – nicht nur musikalisch, sondern vor allem im Text. Ein Lied wird wahrscheinlich »Sturz« heißen. Weil Sturz das größte Problem beschreibt, das ADHS-Menschen meiner Meinung nach haben: Man öffnet sich – und rennt unvermittelt in die hohe Emotionalität anderer Menschen hinein, die für einen selbst noch einmal deutlich höher ist. Das verhindert so oft den eigenen Aufbau, das eigene Rauskommen, das eigene Weltfinden. Weil 95 Prozent der Menschen das nicht haben. Weil die Welt eine andere ist. Und weil man darin immer wieder einbricht.
Die Symptome werden also nicht geringer. Aber sie werden tragbar – weil sie sich einordnen lassen in einer Struktur, die wirklich meine eigene ist. Ich sehe das grundsätzlicher: Neurotypische und neurodivergente Menschen sind fast wie zwei Gattungen, die jeweils ihr eigenes Ökosystem brauchen. Wenn das da ist, verschwinden 90 Prozent der Probleme. Nicht weil die Eigenschaften weg sind, sondern weil sie integrierbar werden. So bewegt sich auch in mir etwas in einer Weise, die ich nicht vorhergesehen, aber immer für mich erhofft habe: einfach ganz ich selbst zu sein. Das ist kein hohes Ziel. Das ist etwas ganz Natürliches.
Glaubst oder hoffst du, mit deiner Musik auch kommerziellen Erfolg zu haben, vielleicht sogar den Durchbruch zu schaffen? Radiotauglich sind viele deiner Songs ja durchaus! Plakativ gefragt: Willst du in die Fußstapfen von Lola Young treten?
Ja und nein. Ja – im Sinne von: Das hier ist mein Lebensweg und ich möchte, dass er trägt. Dass diese Musik Menschen erreicht, die sie brauchen. Dass daraus etwas erwächst, das meine nächste Welt werden kann. Und nein – im Sinne von Persönlichkeitsperson. Ich brauche meinen einfachen Raum um mich herum, aus dem ich mein Leben und meine Lieder schöpfen kann. Ich brauche meine transparente, unmittelbare Wahrnehmung. Denn das bin ich im Tiefsten.
Ich habe durch diesen Weg etwas über mich erfahren: Ich kann eigentlich nur eine Sache wirklich gut – Unmittelbarkeit verdichten, das allerdings in vielen Bereichen. Die Unmittelbarkeit kommt aus meinem ADHS, das Verdichten aus meiner intensiven Lebensbejahung und Erfahrung. Beides zusammen braucht keinen Ruhm. Es braucht Raum!
Hast du eigentlich auch ein persönliches Lieblingslied auf deinen Alben? Wenn ja, welches und warum?
Zwei sogar: »Herzfrequenz«, mein erstes und persönlichstes Lied. Da hat alles angefangen. Es ist der Moment, in dem ich zum ersten Mal gehört habe, was in mir klingt. Und »Ich bin wie der Fluss« – ein Stück vom vierten Album, an dem ich wie gesagt gerade arbeite. Es fasst etwas zusammen, das ich vorher nicht greifen konnte. Mehr möchte ich dazu noch nicht sagen …
Was rätst du neurodivergenten Menschen, damit sie sich ebenfalls trauen, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen? Wie können sie loslegen, ohne sich, ganz ADHS-typisch, zu verzetteln und sofort wieder aufzugeben?
Glaube dir! Misstraue dir! Und finde deine wirklich eigene Lebensfrequenz! Dann kommt echte Resonanz.
Aber ich möchte noch etwas mitgeben, das tiefer geht als die Frage nach Kreativität: Es gibt eine Welt, in der das, was du bist, kein Problem ist. Die Welt der Schwingung und der Frequenz findet in den Räumen, wie sie hier normal sind, schlecht Heimat. Aber das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. Es ist mehr eine Frage der Haltung und der Frequenz als eine Frage der Räume – wenngleich ein verständnisvoller Raum unheimlich guttut.
Kreativität, nach der du hier fragt, ist eine Folge von Sein – nicht umgekehrt. Es gibt das hundertprozentige Sein. Aber man muss sein Inneres und seine eigene Sprache aus der Unsichtbarkeit herausholen – aus der eigenen Unsichtbarkeit. Und was man sich von woanders angeeignet hat, was nicht wirklich das eigene war, das darf dann auch irgendwann gehen. Das möchte ich mitgeben: Es gibt keinen Trick gegen das Verzetteln. Es gibt keinen Schutz vor dem Aufgeben. Was es gibt, ist der Moment, in dem du merkst: Das hier ist meins! Nicht weil es perfekt ist, sondern weil es stimmt. Und dann bleibst du – nicht weil du diszipliniert bist, sondern weil du angekommen bist.
Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch!
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