Die Zahlen aus einer Studie zum »Risiko für Delinquenz im Jugend- und Erwachsenenalter« sind alarmierend: Menschen mit einer nicht diagnostizierten und damit unbehandelten ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko, ins Gefängnis zu kommen. Dabei werden sie statistisch gesehen zwei Jahre früher straffällig als Nichtbetroffene. Auch die Zahl der Wiederholungstäter ist wesentlich höher. Grund dafür ist nicht nur die ADHS-typisch stärker ausgeprägte Impulsivität und die damit verbundene niedrigere Reizschwelle, sondern ebenso das Gedankenkarussell im Kopf, das sich unaufhörlich dreht und einfach nicht zur Ruhe kommen will. Manipulatives Verhalten, Verantwortungslosigkeit und massive Selbstüberschätzung können die Folge sein. Mit ADHS hinter Gittern sitzen daher nicht nur besonders viele Gewalttäter, die im Affekt gehandelt oder im Straßenverkehr Grenzen überschritten haben, sondern eben auch wegen Vermögensdelikten Verurteilte, zum Beispiel Trickbetrüger.
Sind also die Gefängnisse voller Menschen mit ADHS?
Das Tragische: Die meisten wissen überhaupt nichts von ihrer ADHS. Und proaktiv darauf getestet wird vor Gericht natürlich in der Regel auch niemand. Unterm Strich bedeutet das: Mehr als die Hälfte der männlichen Häftlinge einer durchschnittlichen Justizvollzugsanstalt ist möglicherweise neurodivergent! Bereits Anfang der 2000er-Jahre kam eine Untersuchung zum »Zusammenhang zwischen ADHS und gewalttätiger Aggression: Was können wir aus epidemiologischen und genetischen Studien lernen?« zu diesem Ergebnis. Wirkliche Konsequenzen wurden daraus aber anscheinend nicht gezogen.
Macht ADHS kriminell?
Nein, natürlich wird niemand durch ADHS automatisch zum Verbrecher. Doch die Wahrscheinlichkeit, im falschen Moment die falsche Entscheidung zu treffen, ist für neurodivergente Menschen, insbesondere Männer, ungleich höher. Wird die sogenannte Störung aber rechtzeitig, also in der frühen Jugend, erkannt und behandelt, sinkt das Risiko rapide, dass sie das Leben der Betroffenen vollends zerstört.
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