Anne-Mieke Bremer (Foto) sitzt seit dieser Legislaturperiode für die Linke im Bundestag. Lange hatte die 34-jährige Sozialarbeiterin vermutet, ADHS zu haben. Doch erst kürzlich erhielt sie ihre Diagnose – und machte sie öffentlich, um auf die erhebliche Unterversorgung Betroffener hinzuweisen. Das ADHS-Journal sprach mit ihr.
ADHS-Journal: Frau Bremer, in Deutschland sind mehrere Millionen Menschen von ADHS betroffen. Doch es gibt erhebliche Versorgungslücken. Wie könnten sie Ihrer Ansicht nach besser unterstützt werden?
Anne-Mieke Bremer: Die Probleme sind strukturell und Politik könnte das ändern. Sowohl im Bereich Diagnose als auch in der anschließenden Behandlung, sei es mit Medikamenten oder mit einer Psychotherapie, besteht dringender Handlungsbedarf.
Bei den Diagnosestellen sind wir inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem sogar Wartelisten geschlossen sind. Da bekommt man meistens nicht mal mehr die Gelegenheit, mit einem Menschen zu reden oder wenigstens auf einen Anrufbeantworter zu sprechen! Da gibt es nur noch die automatische Bandansage oder eine automatische Mail. Wer genug Geld hat, kann die Wartezeit verkürzen und die Diagnose selbst bezahlen. Dadurch wird Gesundheit eine Frage des Geldbeutels. Eine Reform bei der Kassensitzvergabe ist dringend notwendig. Die Bedarfsplanung richtet sich offensichtlich nicht nach den realen Bedarfen aus, das trifft den ländlichen Bereich am härtesten. Für direkte Unterstützung muss es Betroffenen ermöglicht werden, entstehende Kosten für Diagnose und Behandlung bei Ärztinnen und Ärzten ohne Kassensitz unbürokratisch von der Krankenkasse zurückerstattet zu bekommen.
Sie selbst haben am eigenen Leib erfahren, wie lange es insbesondere bei Erwachsenen dauern kann, um überhaupt eine Diagnose zu bekommen. Was war für Sie in der Zeit des Wartens das Schlimmste?
Seit dem ersten Verdacht und der Diagnose sind beinahe fünf Jahre vergangen. Am schwersten fand ich es, mich selbst nach den unzähligen Misserfolgen und Absagen immer wieder aufzubauen und weiter für mich einzustehen – immer wieder das Telefon in die Hand zu nehmen und es weiter zu probieren. Dazu kamen immer wieder Zweifel an der Richtigkeit des Verdachts. Man fragt sich dauernd: Übertreibe ich? Bilde ich mir das alles nur ein? Besonders in Phasen, in denen es gut läuft und der Leidensdruck entsprechend niedrig ist.
Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Die Diagnose war für mich eine Erleichterung. Es war eben doch keine Einbildung und ich habe endlich eine Antwort auf die Frage, die mich seit meinem Jugendalter begleitet: »Wieso passe ich hier einfach nicht rein?« Neulich habe ich im „Spiegel“ gelesen, dass sich Menschen von einer Diagnose entmutigen lassen würden oder dadurch weniger bereit wären, an sich selbst zu arbeiten. Ich erlebe gerade das Gegenteil. Ich bin weniger hart zu mir selbst, gehe nachsichtiger mit mir um und kann erst jetzt wirklich schauen, was ich brauche, um gut durch den Alltag zu kommen. Das heißt nicht, dass man sich in den neoliberalen Alltag reinpressen lassen muss. Ich denke auch, dass neurodivergente Menschen ein gutes Frühwarnsystem für derartige strukturelle Probleme, etwa in Arbeitsgruppen oder Abläufen, sind.
Natürlich ist sehr vieles durch meinen derzeitigen Job ein unglaubliches Privileg, da ich Abläufe größtenteils selbst bestimmen kann. Außerdem fällt es mir inzwischen leichter, mir Unterstützung zu organisieren, wenn es mal nicht so gut läuft.
Nachdem Sie sich erstmals öffentlich zu der Thematik geäußert hatten, ließen die ersten hämischen, ja boshaften Kommentare nicht lange auf sich warten. Wie gehen Sie damit um, zumal Sie hier ja auch persönlich betroffen sind?
Ich habe mir das nicht so sehr zu Herzen genommen. Meistens hat das wenig mit mir als Person zu tun und viel mehr mit den Menschen, die solche Kommentare veröffentlichen.
Neben den boshaften Kommentaren gibt es aber auch viel positives Feedback von anderen Betroffenen, die sich gesehen fühlen. Das finde ich viel wichtiger, denn genau dafür mache ich das.
Haben Sie einen konkreten Rat für Betroffene, die sich mit ihrer noch nicht diagnostizierten ADHS alleingelassen fühlen? Was können sie tun, um schneller Hilfe zu bekommen?
Ich könnte jetzt solche Floskeln runterbeten à la »Nicht aufgeben!«. Das hilft nur leider niemandem und ignoriert die strukturelle Ebene hinter dem Problem. Mir persönlich hat der Austausch mit Freundinnen und Bekannten geholfen, die auch neurodivergent sind. Selbsthilfegruppen können ein guter Anlaufpunkt sein. Auch das Gespräch mit einer Sozialarbeiterin in der Sozialberatung kann entlasten und dafür sorgen, dass sich Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen. Sich helfen zu lassen, ist immer in Ordnung!
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bremer!




