Menschen mit ADHS haben ein um 63 Prozent erhöhtes Reizdarmrisiko, leiden also mit höherer Wahrscheinlichkeit an chronischer Verstopfung oder haben ständig Durchfall. Das belegt eine aktuelle Metastudie mit Daten von mehr als 175.000 neurodivergenten und 3,6 Millionen neurotypischen Menschen. Mit den Nebenwirkungen von ADHS-Medikamenten hängt das wohl nicht zusammen, wie es lange vermutet worden war. Vielmehr besteht offensichtlich zwischen bestimmten Keimen im Darm und der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ein Kausalzusammenhang: Mikrobiologin Dr. Angelica P. Ahrens von der Universität Florida und ihr Team wiesen nach, dass Kleinkinder mit einem hohen Anteil von Citrobacter-Bakterien im Mikrobiom Jahre später signifikant häufiger mit einer ADHS diagnostiziert werden. Solche Erkenntnisse lassen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, darauf aufbauend mittelfristig Biomarker entwickeln zu können, mit denen Neurodivergenzen zuverlässig erkannt werden – und zwar bevor die ersten Symptome auftreten!
Verhindert ein gesunder Darm also ADHS?
Eine derartige ADHS-Vorhersage wäre nicht weniger als ein Durchbruch. Denn vorbereitet zu sein auf ADHS, verhindert letztlich Fehldiagnosen und somit jahre- oder gar jahrzehntelange Leidenswege, von denen viele betroffene Erwachsene heute noch ein Lied singen können. Auf die Behandlung selbst wirkt sie sich indes nicht aus. Zwar können bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und Stuhltransplantationen für einen gesünderen Darm sorgen – allerdings nur vorübergehend. Denn die Bakterien sind ja nicht Auslöser der sogenannten Störung, sondern lediglich die Überbringer einer schlechten Nachricht. Daher würde sich ihr Anteil in kurzer Zeit wieder erhöhen.



