Es ist wesentlich mehr, als nur am Montagmorgen übelgelaunt zur Arbeit zu gehen. Bei Ergophobie kann es zu ernsthaften Symptomen kommen, angefangen bei Kopfschmerzen über Schlafstörungen bis hin zu Herzrasen. Mit ADHS tritt diese Angst überdurchschnittlich häufig auf, sagt Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz, niedergelassene Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Sie ist Autorin mehrerer Bücher über die Neurodivergenz und beobachtet arbeitsbezogene Versagensängste in ihrer Praxis häufig. Das ADHS-Journal sprach mit ihr.

ADHS-Journal: Nach Ihrer Beobachtung kommt Ergophobie bei Menschen mit ADHS besonders häufig vor. Was steckt genau dahinter?
Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz: Die Angst vor dem Arbeiten ergibt sich aus den Symptomen der ADHS. Wenn man sprunghaft und vergesslich ist und viele Flüchtigkeitsfehler macht und unzuverlässig arbeitet, dann hat man meist schon viel Kritik einstecken müssen. Wir wissen, dass AD(H)S-Betroffene mehr Niederlagen und Misserfolge haben als neurotypische Menschen. Wenn sie dann noch chaotisch arbeiten, schlecht aufräumen können, vieles auf den letzten Drücker machen und es ihnen schwerfällt, Arbeiten ganz zu Ende zu bringen, dann werden sie in ihrem Arbeitsumfeld auf die Dauer Schwierigkeiten bekommen. Das ist auch das, was wir sehen, nämlich häufiger Arbeitslosigkeit, häufigere Kündigungen oder Arbeitsplatzverlust.
Wie kann ich mir das vorstellen: Warum haben Betroffene Angst zu arbeiten? Haben sie Angst vor zu hohen Anforderungen oder um ihren Arbeitsplatz an sich?
Viele AD(H)S-Betroffene haben Versagensängste und die bilden sie sich meist nicht ein, sondern sie haben das tatsächlich erlebt. Diese Erfahrungen machen sie meist schon in der Schule. Da haben sie den Stoff gut gelernt und am nächsten Morgen können sie das Gelernte nicht abrufen. Oder sie haben zwar viel Wissen, aber dann haben sie die Aufgaben nicht richtig gelesen und eben deshalb Fehler gemacht. Viele AD(H)S-Betroffene haben das Gefühl, dumm und faul zu sein, und das ist immer ein Hindernis für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.
Wie häufig und in welcher Form beobachten Sie dieses Phänomen bei Ihren Patientinnen und Patienten?
Ich kenne keine genauen Zahlen, weil das bisher nicht explizit untersucht worden ist. Aber ich sehe die Angst zu versagen ziemlich häufig. AD(H)S-Betroffene zweifeln dann ständig an sich und leben in der ständigen Angst, dass andere entdecken, wie unfähig sie tatsächlich sind. Was ich dann aber sehe, ist, dass sie häufig auch viel Wertschätzung für ihre Originalität und Kreativität bekommen. Aber wenn man sich selbst nicht akzeptiert, dann fällt es auch schwer, Komplimente von anderen anzunehmen.
Steht bei der Therapie primär die Angst im Vordergrund oder geht es auch um die Arbeitsbedingungen? Wäre Homeoffice zum Beispiel eine Lösung?
Es gibt auch Arbeitsbedingungen, die besonders für AD(H)S-Betroffene schwierig sind. Dazu gehört eben das Großraumbüro. ADHS-Betroffene sind sehr schnell von jedem neuen Reiz ablenkbar, und wenn dauernd in der Umgebung Unruhe, Lärm, Bewegung ist, dann sind sie eben ganz schnell abgelenkt.
Lässt eine solche Phobie durch ADHS-Medikamente nach oder ist hier intensive Psychotherapie notwendig?
Man kann schlechte Erfahrung nicht einfach löschen, aber mit guten Erfahrungen überschreiben. Wenn AD(H)S-Betroffene die Erfahrung machen können, dass es ihnen nun mithilfe der Medikamente gut gelingt, konzentriert und bei der Sache zu bleiben, zuverlässig und in der vorgegebenen Zeit zu arbeiten, dann lernen sie, an sich selbst zu glauben. Das kann aber auch eine ganze Zeit dauern. Wichtig ist es immer, die Besonderheiten der ADHS zu erklären. Das hilft Betroffenen sehr, sich zu verstehen, sich zu akzeptieren und auch die eigene Lebensgeschichte besser zu verstehen.
Was würden Sie einem Menschen sagen, der selbst – oder dessen Umfeld – fälschlicherweise glaubt, dass er einfach nur zu faul zum Arbeiten ist?
AD(H)S-Betroffene sind nicht faul, sondern sie haben eine neurobiologische Störung, weil der Botenstoff Dopamin im Gehirn zu schnell abgebaut wird. Wenn zu wenig Dopamin vorhanden ist, dann fällt es AD(H)S-Betroffenen ungeheuer schwer, sich für Tätigkeiten zu aktivieren, die keinen Spaß machen. Man muss deshalb diesen Botenstoff mithilfe von Medikamenten erhöhen. Es ist immer ein schmaler Grat. Auf der einen Seite ist es wichtig, zumindest nahen Angehörigen ADHS zu erklären. Man darf aber ADHS auch nicht als Ausrede benutzen, warum man immer zu spät kommt oder Arbeiten nie rechtzeitig anfängt.
Wissenschaftlich ist der direkte Zusammenhang zwischen ADHS und Ergophobie kaum untersucht. Wie kommt das?
Es gibt so viele Probleme mit ADHS und wie gesagt, die Ergophobie erschließt sich aus den ADHS-Symptomen. Natürlich tritt Ergophobie nicht nur bei ADHS auf. Da reicht auch schon ein narzisstischer Chef, ein zerstrittenes Team oder langweilige Arbeit. Dann können auch neurotypische Menschen eine Ergophobie entwickeln.
Vielen Dank für das Gespräch!
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