Bei Menschen mit ADHS treten im Wachzustand schlafähnliche langsame Hirnwellen offenbar statistisch häufiger auf als bei Nichtbetroffenen. »Nach einem langen Tag oder nach einer schlechten Nacht macht auch das Gehirn kurze Pausen – in Form langsamer Hirnwellen. Diese kurzen Phasen verminderter Gehirnaktivität treten bei jedem Menschen auf, bei Menschen mit ADHS jedoch deutlich häufiger«, erläutert Dr. Thomas Andrillon vom »Paris Brain Institute«. Zusammen mit australischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hatte er 32 Menschen mit und 31 ohne ADHS Aufgaben lösen lassen, die hohe Konzentration erforderten, und sie dabei unter anderem per EEG überwacht. Wie erwartet machten die neurodivergenten Probandinnen und Probanden erheblich mehr Flüchtigkeitsfehler als die neurotypischen. Im Hirnscan war dabei jeweils gut zu sehen, dass dies stets verbunden war mit langsamen Hirnwellen, im Fachjargon auch lokaler Schlaf genannt.
Ist lokaler Schlaf ADHS-typisch?
Das Phänomen tritt üblicherweise nach Schlafmangel oder längerer geistiger Belastung auf, bei Neurodivergenten anscheinend aber viel regelmäßiger und ohne erkennbaren Anlass. »Unsere Ergebnisse legen nahe, dass dies ein zentraler Hirnmechanismus sein könnte, der erklärt, warum Betroffene ihre Aufmerksamkeit und ihre Leistungsfähigkeit über längere Zeit schlechter aufrechterhalten können. Das könnte daher zu einem wichtigen Biomarker für die ADHS-Diagnostik werden«, erklärt Andrillon.
Ist Schlafmedizin also ein neuer Ansatz zur Behandlung von ADHS?
In früheren Studien ohne ADHS-Bezug konnten bei Menschen mit Schlafproblemen die langsamen Hirnwellen mithilfe akustischer Stimulation im Schlaf verstärkt werden, sodass sie tagsüber seltener auftraten, was wiederum zu mehr Wachheit und damit höherer Aufmerksamkeit führte. Ob das auch bei einem »typischen ADHS-Gehirn« funktioniert, ist nicht bekannt. »Der nächste Schritt ist somit zu untersuchen, ob sich mit diesem Ansatz auch die lokalen Schlafepisoden bei Menschen mit ADHS reduzieren lassen«, sagt der Forscher.
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