Die Studienlage ist eindeutig: Mit ADHS wird eine Sucht deutlich wahrscheinlicher. Einerseits hängt das natürlich mit der Impulsivität vieler Betroffener zusammen: Viel zu schnell probieren sie etwas aus, ohne an die Folgen zu denken. Andererseits spielt bewusste oder unbewusste Selbstmedikation eine erhebliche Rolle, und zwar bei Menschen mit gesicherter Diagnose ohne adäquate Behandlung ebenso wie bei Neurodivergenten, die von ihrer Neurodivergenz gar nichts wissen und wegen ganz anderer Krankheiten erfolglos behandelt werden. Der Grund ist geradezu trivial: Suchtmittel, insbesondere bestimmte Drogen, sind eben durchaus in der Lage, zumindest kurzfristig die typischen Symptome zu lindern. Denn sie zielen vereinfacht gesagt direkt auf das Belohnungssystem im Hirn, sodass genau die Botenstoffe ausgeschüttet werden, die vielen ADHSlern ja fehlen. Ihr Risiko, eine Nikotin- oder Alkoholsucht zu entwickeln, ist daher zwei- bis dreimal erhöht; bei Kokain steigt der Faktor sogar auf fünf bis sechs!
Führt ADHS automatisch in die Sucht?
Das bedeutet natürlich nicht, dass ADHS unweigerlich zu einer Suchterkrankung führt. Und umgekehrt ist nicht jede Sucht ADHS-bedingt. Die Zahlen zeigen aber, dass es sich lohnt, ADHS als Ursache zumindest in Betracht zu ziehen. Übrigens gilt das nicht nur bei sogenanntem Substanzmissbrauch, sondern genauso bei Spielsucht, exzessivem Shopping und anderen nichtstofflichen Abhängigkeiten, zum Beispiel von Social Media. Längst nicht alle Therapeutinnen und Therapeuten sind sich dieser Tragweite bewusst. Sucht und ADHS bringen sie folglich noch eher selten miteinander in Verbindung.
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